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#41 RE: Die Seniorenzeitung von Anita K-M 28.06.2019 13:15

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Das Nadelbuch

„Und? Kriegst du's hin?“, flüsterte ich meiner Banknachbarin zu. Bärbel blickte mich verzweifelt an, schüttelte unmerklich den Kopf, schnaufte tief durch. Wir hatten Handarbeit bei Fräulein Schmitt, wie immer donnerstags, 3. und 4.Stunde, und bemühten uns, das Nadelbuch endlich fertigzustellen, an dem wir seit Wochen arbeiteten. Das Nadelbuch bestand aus einem flauschigen Stoff, in den später mal Nadeln gesteckt werden sollten und dem grob gewebten Aida-Stoff, der nun mit verschiedenen Zierstichen bestickt werden sollte.
„Das wird nix“, flüsterte Bärbel und zeigte mir ihr Nadelbuch, dessen Rand ein grüner Stielstich zieren sollte. Der Stielstich, bei dem das Stickgarn schnurgerade über den Stoff verlaufen soll, ist etwas schwieriger als der Kreuzstich. Doch bei Fräulein Schmitt war auch der einfachere Kreuzstich eine komplizierte Angelegenheit, legte sie doch Wert darauf, dass die Unterseite des bestickten Stoffes auch ordentlich aussehen sollte. Das war bei einem Nadelbuch totaler Quatsch, weil man die Unterseite später, wenn die Stoffe zusammengenäht waren, eh nicht mehr sah.
Bärbels Stielstich schlängelte sich, obwohl sie sich sehr viel Mühe gab, über den Stoff wie eine Blindschleiche auf der Flucht.
„Soll ich das wieder auftrennen“, fragte sie leise und hielt mir mit schwitzigen Händen ihr Nadelbuch entgegen, während ihre Ohren rot glühten.
„Hier wird nicht geschwätzt!“ Wie aus dem Nichts stand plötzlich Fräulein Schmitt hinter uns, ergriff Bärbels Ohr und zog es mit einer halben Drehung nach oben. Mit schmerzverzerrtem Gesicht richtete sich Bärbel kerzengerade auf, damit der Zug auf das Ohr etwas schwächer werden sollte. Doch Fräulein Schmitt hatte, Gott sei Dank, den Griff schon gelockert und schaute sich nun den krummen Stielstich an.
„Krumm und buckelig“, stellte sie fest. „Das trennst du auf und gib dir mal mehr Mühe“, befahl sie.
„Ja, Fräulein Schmitt“, antwortet Doris, während das Ohr, das Fräulein Schmitt langgezogen hatte, nun intensiver leuchtete als das andere.
„Und ihr macht die Nadelbücher bis nächsten Donnerstag fertig. Dann gibt’s Noten“, verkündete die gestrenge Lehrerin.
Am Mittwochnachmittag fiel Doris und mir siedendheiß ein, dass unsere Nadelbücher noch nicht fertig waren.
„Ich frag meine Mutter, die hilft mir das Ding fertigzukriegen“, sagte ich zuversichtlich.
„Was mach ich nur?“, jammerte Bärbel. „Ich krieg sicher wieder 'ne fünf.“
„Kann dir denn deine Mutter nicht auch helfen?“
„Ne, wenn die abends von der Arbeit kommt, ist sie immer so fertig, da kann ich ihr nicht mit so was kommen.“
Bärbel war ein Schlüsselkind. Ihre Mutter war ein Fräulein, obwohl sie ein Kind hatte, und arbeitete den ganzen Tag als Verkäuferin in einer Metzgerei. Bärbel trug den Haustürschlüssel an einem Band befestigt um den Hals, damit er nicht verlorenging. Wenn die Schule aus war, ging sie nach Hause und wärmte sich das Essen auf, das ihre Mutter vorgekocht hatte. Am Nachmittag trafen wir uns oft bei mir zu Hause zum Spielen, weil Bärbel, wenn die Mutter nicht da war, keine Fremden mit in die Wohnung nehmen durfte.
Meine Mutter half uns beiden aus der Patsche.

„Sehr schön, Bärbel!. Siehst du, wenn man sich etwas Mühe gibt, dann klappt das auch“, sagte Fräulein Schmitt am nächsten Tag und notierte eine „Zwei“ in ihr Notizheft.
„Von dir hätte ich mehr erwartet“, stellte die Lehrerin fest, während sie mein Nadelbuch inspizierte.

„Mach das nicht zu ordentlich“, hatte ich meine Mutter am Vortag angefleht, „sonst merkt die Schmitt, dass ich das nicht selbst gemacht habe.“
Und meine Mutter gab sich Mühe, damit das Nadelbuch nicht zu perfekt aussah. Es wurde mit einer „drei minus“ benotet. Meine Mutter versprach mir lachend: „Beim nächsten Mal kriegst du wieder 'ne Zwei.“

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