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 Kurzgeschichten
Petrusautor Offline

Admin


Beiträge: 9.649

29.11.2014 15:42
Weihnachtsgeschichte 2003 - Heiliger (Grog-)Abend in Vegesack von Claus Beese Zitat · antworten

Heiliger (Grog-)Abend in Vegesack

Eine Weihnachtsgeschichte von Claus Beese © 2003

Der kleine Ort namens Vegesack, der sich mittlerweile um den geschäftigen Hafen an der Lesummündung gebildet hatte, lag still in der schummrigen Dunkelheit dieses Winterabends. Die Segelschiffe, zum Teil Handelsschiffe, deren Waren aus aller Herren Länder hier gelöscht und in kleinere Weserkähne umgeladen wurden, aber auch Walfangschiffe und einfache Fischerkähne lagen im Strom der Weser und des kleinen Nebenflüsschens und warteten auf den Frühling. Der Winter war spät gekommen in diesem Jahr, der Fluss noch weitgehend eisfrei und die Temperaturen erträglich. Die klirrende Kälte würde wohl wie so oft erst zum Jahreswechsel von Norden her Einzug halten und all die großen und kleinen Schiffe im Eis des Flusses einschließen.
Pünktlich zum Fest hatte es am Morgen zu schneien begonnen, und die Kinder , die am Vegesacker Utkiek die große Tanne schmückten, hatten einen Riesenspaß dabei gehabt, all den Schmuck, den sie gebastelt hatten in den schneebedeckten Ästen und Zweigen zu befestigen. Sehr sorgfältig hatte man all die Laternen, die in der abendlichen Dunkelheit den Baum zum Leuchten bringen sollten, in das dichte Gewirr der Äste gehängt. So mancher Schneeball war durch die Luft gesaust und hatte sein Ziel im Nacken oder Gesicht eines anderen Kindes gefunden, welches dann quiekend und lachend sich das weiße kalte Zeug aus dem Kragen der Jacke geklaubt hatte.

Wie die Menschen eben so sind, erwarteten Sie natürlich, dass Jan das eigentlich Unmögliche auch in diesem Jahr wieder möglich machen würde und den großen Baum am Hafen wieder weihnachtlich leuchten lassen würde. Im letzten Jahr hatte Jan dabei die größten Schwierigkeiten gehabt, da die mächtige Fichte von einem Herbststurm gefällt worden war. Nur durch das trickreiche Eingreifen vom Klabautermann Tobias war es gelungen, die Takelage eines Segelschiffes in einen strahlenden Weihnachtsbaum zu verwandeln. Da es also kein passendes Gewächs mehr am Hafen gab, musste man sich etwas einfallen lassen. Im Wald hatte man eine große Tanne gefällt, sie mit einem Pferdegespann herangeschleppt und am Utkiek aufgestellt, und nun war es an Jan und den Kindern der kleinen Hafenstadt, den Rest zu besorgen. Die Tanne wurde geschmückt, und wenn auch die Tranlampen in ihren Zweigen kaum die Umgebung erhellen konnten, so würde der Baum anfangen zu leuchten und zu strahlen, wenn der Weihnachtsmann des Nachts auf seiner Geschenktour mit leise klingenden Schlittenglocken über den Ort sauste.
Das war dann stets der Zeitpunkt, an dem der Herr Pastor inbrünstig ein Weihnachtslied anzustimmen pflegte, in das alle Bürger, die sich mit ihm am Baum versammelt hatten, frohen Herzens einstimmten.

Auch an diesem Abend brannten die Lampen in den Ästen der Tanne und ihr matter Schein erhellte den Platz am Utkiek und ließ ihn freundlich und heimelig erscheinen. Die Bürger strömten voller Erwartung zum Hafen, gespannt, ob es Jan Kiekut auch in diesem Jahr wieder gelingen würde, die große Tanne zum Strahlen zu bringen. Jan stand neben dem Pastor und hielt den Kopf schief. Er lauschte in den nächtlichen Himmel hinaus, wo durch das Flockengewimmel leise das Schellen eines Schlittens zu hören war, das sich rasch näherte.
Und dann konnten es alle sehen: Aus dem Dunkel der Weihnacht kam wie ein Sturmwind ein Schlitten herangebraust, gezogen von sechs Rentieren, die auf einer Straße aus funkelnden Sternen durch die Lüfte galoppierten. Der Schlitten sauste knapp über den Köpfen der Vegesacker Bevölkerung über den Utkiek hinweg, beschrieb einen weiten Bogen über der Weser und schwebte, dabei das Tempo verlangsamend, auf den Weserstrand zu, an dessen Übergang zum Wasser sich das erste Eis zu bilden begann.
Jan Kiekut schloss die Augen, denn er ahnte, dass dieses halsbrecherische Manöver nicht so glatt gehen würde, wie es sich der Pilot des fliegenden Schlittens wohl erhofft hatte. Tatsächlich setzte der viel zu früh sein flottes Gefährt, an dessen Front ein silberner Stern glänzte, auf das noch viel zu dünne Eis auf und krachend brach der Schlitten ein. Gott sei Dank riss dabei das Geschirr der Rentiere, so dass diese sicher das feste Ufer erreichten. Bei dem Weihnachtsmann war das leider etwas anders. Von seinem Schlitten ragte kaum mehr etwas aus dem Wasser und der alte Rauschebart stand bis zur Brust im eiskalten Weserwasser.

Jan mochte gar nicht hinsehen, denn der Weihnachtsmann machte Anstalten, zum Ufer waten zu wollen. Leider hatte er nicht daran gedacht, dass er auf der Sitzbank seines Schlittens stand und als er zwei Schritte auf das Ufer zu machte, versank er endgültig in den Fluten. Die Menge stand wie erstarrt, nur der Herr Pastor begann wild mit den Armen herumzufuchteln.
»Holt ihn da raus, Leute!« rief er den Männern seiner Gemeinde zu. »Sonst ertrinkt uns noch der Weihnachtsmann im Fluss!«
Das wollte natürlich keiner. Der Ruf der kleinen Hafenstadt wäre auf alle Zeiten ruiniert gewesen, wenn man das hier zugelassen hätte. Also stürzten sich fünf Männer in die Fluten um den Weißbart zu bergen. Man trug den pitschnassen Weihnachtsmann in das Havenhaus, um ihm die nassen Sachen auszuziehen und ihn ordentlich abzurubbeln. Auch die Männer, die zu dieser Rettungsaktion in das kalte Wasser gesprungen waren, entledigten sich der nassen Kleidung, um sie über dem Herdfeuer zu trocknen.

Jan Kiekut griff in eine der Vorratskisten und holte eine Flasche vom besten Rum hervor, die der Wirt hier versteckt hatte. Er entkorkte den teuren Übersee-Rum und hielt dem Weihnachtsmann den Flaschenhals unter die Nase. Doch der Ärmste rührte sich nicht und Jan stellte die Buddel ab, um schnell einen Becher zu holen. Vielleicht würde das starke Gebräu ja von innen helfen, die Lebensgeister des Weihnachtsmannes wieder zu erwecken.
Jan griff zur Flasche um seinem alten Freund einzuschenken und stellte dabei sehr überrascht fest, dass Dinge, die man auf einen Herd stellt, mitunter recht warm werden können. Unmöglich, den heißen Krug in der Hand zu halten, fand er und ließ ihn mit einem lauten Schmerzensschrei fallen. Die Flasche fiel in den großen Topf mit dem sprudelnd heißen Wasser, und der goldfarbene Rum ergoss sich da hinein und vermengte sich mit der kochend heißen Flüssigkeit. Im nächsten Augenblick zog ein ganz unglaublicher Duft durch die Küche des Havenhauses und alle Männer fingen an, in der Luft herumzuschnüffeln.
Onkel Eberhard , der Wirt der Havenhausschänke holte aus und verpasste dem unachtsamen Bengel eine saftige Backpfeife, die Jan Kiekut taumeln ließ. Au Backe, Onkel Eberhard schrieb eine kräftige Handschrift! Jan ruderte hilflos mit den Armen um sein Gleichgewicht zu halten, stieß dabei gegen das Küchenregal und kippte den Topf mit dem Zucker um. Nun rieselte auch noch der weiße Süßkram in den brodelnden Topf und der Duft, der von diesem ausging verstärkte sich dadurch noch mehr.
Im gleichen Moment schlug der Weihnachtsmann die Augen auf.

»Für mich bitte auch einen Becher!« meldete er sich mit schwacher Stimme unter den Lebenden zurück und alle sahen ihn entgeistert an. War dem Alten das Gehirn eingefroren? Einen Becher? Wollte er damit sagen, dass er einen Becher von der heißen Schnapsbrühe haben wollte? Na gut, dem Manne konnte geholfen werden. Man füllte einen großen Becher mit der dampfenden Flüssigkeit und der Weihnachtsmann nahm einen großen Schluck.
»Aaaah! Das tut gut!« verkündete er und schnalzte genießerisch mit der Zunge. Die halbnackten Vegesacker Rettungsschwimmer schauten sich erstaunt an, dann griff sich jeder einen Becher und im Nu probierten alle das heiße Gebräu. Eine ganze Weile war außer Pusten und Schlürfen, gemischt mit vielen »Oooohs« und »Aaaahs« nichts zu hören. Voller Begeisterung spürten die durchgefrorenen wackeren Kämpen, wie das heiße Getränk durch die Kehle hinab in den Magen rann und sich von dort aus mit einer sanften Explosion wohltuend und wärmespendend durch den ganzen Körper verteilte.

»Lecker!« meinte der Alte und hielt dem Wirt auffordernd den Becher zum Nachfüllen hin. »Wie heißt das Gebräu?«
Alle Augen richteten sich auf Jan Kiekut. Der hatte es gemixt, also musste er auch wissen wie man es nannte. Jan war indes damit beschäftigt, mit der Zungenspitze seine Backenzähne abzutasten, ob sie nach der Backpfeife auch noch alle fest waren. Da, der eine ganz hinten – wackelte der nicht? Das musste mit Zeigefinger und Daumen geprüft werden und Jan Kiekut packte fest zu und wackelte an dem Zahn herum. Genau in diesem Moment merkte er, wie ihn alle in der Küche der Schänke anstarrten.
»He?« machte er ratlos.
»Name! Wie das Zeug heißt?« half ihm Onkel Eberhard auf die Sprünge.
»Hngrrrg!« würgte Jan an seinen beiden Fingern vorbei, die noch immer in seinem Mund steckten.
»Wie?« fragte der Weihnachtsmann nach, der meinte, wohl noch immer ein wenig Wasser im Gehörgang zu haben.
»Grog! Er hat ganz deutlich Grog gesagt!« behauptete Onkel Eberhard. » Ich hab’s ja immer gesagt, dieser Bengel ist ein verkanntes Genie. Hier, Jan! Du hast es erfunden, nun sollst du es auch probieren.«

Ganz offensichtlich nahm er es dem Jungen nicht mehr übel, dass er seinen besten Jamaica-Rum verschüttet hatte, denn er reichte Jan einen großen Becher voll des duftenden Gebräus. Jan nippte daran, fand es schmecke nicht schlecht und trank den Becher aus. Oh, hoppla! Wie wurde ihm denn? Alles fing an sich um Jan herum zu drehen und ihm wurde ganz heiß. Dann verdrehte er die Augen und kippte um. Starke Arme fingen ihn auf und lachende Männer luden ihn auf eine Schubkarre, mit der ihn sein Vater nach Hause ins Bett brachte. Sturzbetrunken verpasste Jan Kiekut die lustigste aller Weihnachtsfeiern, die jemals am Vegesacker Hafen statt fand.

Den Rennschlitten des Weihnachtsmannes mit dem silbernen Stern an der Vorderseite, fischten die Vegesacker bei der nächsten Ebbe aus der Weser. Er hatte weiter keinen Schaden genommen, außer, dass die Sitzpolster jetzt unangenehm kühl waren und der Weihnachtsmann sich auf dem Nachhauseweg wohl einen nassen Achtersteven holen würde. Man füllte ihm daher in weiser Voraussicht den Rest von Jans Grog in eine Flasche, die man ihm warm einpackte, und sorgte so dafür, dass der Weihnachtsmann sich auf dem weiten Weg zum Nordpol nicht verkühlen konnte. Fröhlich singend schlingerte der angesäuselte Rauschebart auf seinem Schlitten Richtung Nordpol, während der Herr Pastor lautstark über den Verfall der Sitten wetterte und schwor, dass es im nächsten Jahr zu Weihnachten dieses Teufelszeug nicht geben würde.




Wer mehr über meine Schandta... äh, Abenteuer wissen will, hier gibt es Informationen zum Buch:
Jan Kiekut - Die Abenteuer des Vegesacker Jungen

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Allen eine Handbreit Sonne zwischen den Wolken.
Petrusautor Claus

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