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Ich weise aber aus gegebenem Anlass darauf hin, dass jeder Interessent sich vorab im Netz über
Druckkosten-Zuschuss-Verlage (DKZV) informieren sollte, die lediglich darauf abzielen, für viel Geld
die Träume mancher Jungautoren zu verwirklichen. Sie haben mit "echten" Verlagen nichts zu tun.


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Dieses Thema hat 1 Antworten
und wurde 179 mal aufgerufen
 Kurzgeschichten
Klaus-Dieter Welker Offline

Forengott / Forengöttin

Beiträge: 2.003

31.08.2014 12:07
"Schalom" Zitat · antworten

Nein, einen Aufschrei der Verzweiflung vernahm ich nirgends. Es war still, auch wenn wohl einige hundert Menschen auf dem weitläufigen Areal unterwegs waren. Aber hier, an meinem selbst gewähltem Platz, war ich alleine.
Eine freundliche Sonne strahlte vom Himmel, einige kleine weiße Wolken zogen langsam über mir in Richtung Westen. Ein unschuldiger Anblick, gleich einer Herde Schafe.
Ich legte mich auf den Rücken und schaute zu ihnen hinauf. Die Sonne wärmte mich. Diese Wärme hatte ich gesucht an diesem Ort, der mir zuvor bei meiner Wanderung kalte Schauer über den gesamten Körper hatte laufen lassen.
Es ist so eine Sache mit dem menschlichen Vorstellungsvermögen. Der eine verfügt gewiss über mehr davon als der andere. Aber es gibt Dinge, es gibt Grausamkeiten, die sich wohl keinem in ihrer vollen Auswirkung erschließen werden, der sie nicht selbst erlebt, gesehen, gespürt und erlitten hat.
So war es mir ergangen. Ich war die Gleise entlang geschritten, hin zu dem großen Gebäude. Die Schienen führten mitten hindurch. Das Tor zur Hölle.
Aber es wollte sich mir nicht erschließen. Es war zu friedlich, zu sonnig, zu mild. Ich sah hinauf zu den Fenstern des Einfahrtsgebäudes, in denen sich das Licht spiegelte. Keine Fratze sah mir entgegen, kein höhnisches, verächtliches Gesicht.
Ich lauschte aufmerksam, doch ich hörte nur den Gesang der Vögel, hin und wieder ein leises Flüstern der anderen Besucher dieses Ortes. Kein Schrei, kein Gefluche, kein unterdrücktes Stöhnen war zu vernehmen.
Ich sog den Geruch ein. Es roch nach Gras, ein klein wenig staubig. Kein Hauch von Angstschweiß.
Ich legte meine Hand auf den rauhen Stein des Gebäudes. Er war warm. Keine Kälte entströmte ihm.
Und so schritt ich durch dieses Tor zur Hölle, folgte den Gleisen weiter, bis hin zu der Rampe. Ich schloss die Augen und horchte in mich hinein. Nur ganz leise, weit entfernt, hörte ich Gefluche und gebrüllte Befehle, hörte das geifernde Bellen von Hunden. Und rings um mich herum angstvolles Atmen. Aber kaum öffnete ich die Augen wieder, so war es vorbei. Ein Spuk, eine Einbildung.
Ich schritt weiter. Nein, ich wollte keine Führung, keine Erläuterung. Ich wollte es alleine erfahren, mich ganz auf meine Sinne, mein Gefühl verlassen.
So ging ich durch die Baracken, besah mir die Schlafstellen. Ich ging in das Museum, sah schreckliche Bilder und Artefakte. Ich las die Texte und versuchte, mich in das Grauen einzufühlen. Aber es blieb mir unmöglich. Natürlich war ich nicht ohne Mitgefühl für die Menschen, die hier zu Tode kamen. Doch es war so fern. Vor endlos langer Zeit geschehen, ein Teil der Geschichte.
Ich schritt weiter, hin zu dem alten Krematorium. Hier also waren hunderttausende Menschen verbrannt worden. Ein grauenvoller Gedanke, bei dem mir kalt wurde. Aber wie sollte ich mir das vorstellen? Wie das Grauen, das Ausmaß des Schreckens begreifen?
Und so ging ich wieder hinaus, an meinen Platz an der Sonne, setzte mich hin und versuchte, zu begreifen, zu verstehen, zu empfinden. Und legte mich schließlich hin, um den Wolken zu folgen.

Es war ein alter Mann, der mich aus meinen Gedanken riss. Wie aus dem Nichts heraus stand er vor mir und blickte zu mir nieder. Dann setzte er sich neben mich und fragte mich auf polnisch:
„Niemiec?“
„Ja“, antwortete ich ihm. Es war mir nicht begreiflich, woran er es erkannt hatte. Sah ich ebenso aus wie meine Vorfahren, die hier so viel Elend verursacht, so viele Menschen erniedrigt, gefoltert, getötet hatten? Gab es eine Art Erbschuld, die auf meine Stirn tätowiert war, so wie den Häftlingen ihre Nummer auf den Arm?
Er sah hinauf zu den Wolken. Ich wollte aufstehen, mich entfernen. Ein Gefühl der Schuld breitete sich in mir aus. Weil ich hier gelegen und wohl mit verträumten Blick in den Himmel geblickt hatte. Hier, an diesem Ort des Todes.
Aber der Alte legte mir seine Hand auf den Arm als er bemerkte, dass ich mich erheben wollte.
„Es ist ein Ort des Friedens“, sagte er in holperigem Deutsch. „Und es ist kein Verbrechen, ein Deutscher zu sein. Das einzige Verbrechen ist es, kein Mensch zu sein.“
Und mit diesen Worten erhob er sich und streckte mir die Hand entgegen. Eine alte, vom Leben gezeichnete Hand. Ich stand ebenfalls auf und reichte ihm meine. Noch jung, ohne Narben und Runzeln.
„Schalom“, wünschte er mir. Das hebräische Wort für Frieden, Heil und Unversehrtheit. Und ich erwiderte ihm ebenfalls mit einem „Schalom“.
Er sah mir nochmals in die Augen, nickte dann und ging die kleine Anhöhe wieder hinab zu einer kleinen Gruppe von Menschen, die zu uns herauf sah. Männer mit Kippa, der kleinen Kappe als Zeichen der Ehrerbietung an Gott. Die zwei Frauen trugen lange schwarze Kleider und ein Tuch über ihren Haaren.
Unten angekommen drehte er sich nochmals zu mir um und hob die Hand zum Gruß. Ich winkte unbeholfen zurück.
Ich setzte mich wieder und sah ihnen hinterher. Sie schritten bedächtig in Richtung auf das Tor, dass aus dieser Hölle herausführte. Heute. Vor 50 Jahren wäre es für sie wohl für immer verschlossen geblieben.
Dann sah ich wieder hinauf in die Wolken und genoss die Wärme. Es war nicht mehr nur die, welche von der Sonne kam. Es war die Wärme eines Menschen, der mir ein „Schalom“ mit auf den Weg gegeben hatte.

Petrusautor Offline

Admin


Beiträge: 9.490

31.08.2014 21:00
#2 RE: "Schalom" Zitat · antworten

Eine Begegnung, die man bewahren muss, wie einen funkelnden Edelstein, so kostbar, so selten, so eindringlich, so wertvoll.

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Allen eine Handbreit Sonne zwischen den Wolken.
Petrusautor Claus

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