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 Kurzgeschichten
Jürgen Offline

Forengott / Forengöttin


Beiträge: 2.012

02.08.2014 17:55
SCHIFFSUNGLÜCK eine wahre Geschichte Zitat · antworten

Schiffsunglück auf dem Jadebusen

Eine Geschichte nach wahren Begebenheiten
H.- Jürgen Niemeyer, 2014

Der Vollmond zeigte eine verschwommene orange-weiße Umrandung, die Sterne glommen
matt in der Dunkelheit des Abendhimmels. Es wird frostig werden heute Nacht. Vom Deich
aus schimmerte das Watt silbern im Mondlicht und das Wasser lief ab. Bald würde Ebbe
sein. In der Ferne sah ich Licht in der Alten Hafenkneipe, das mir freundlich zuzwinkerte
und mich einlud, dort einzukehren, mich ein wenig aufzuwärmen und noch einen kleinen
Absacker zu trinken.
Als ich die Tür öffnete schlug mir vom Tabakrauch geschwängerte Wärme entgegen.
„Moin”, sagte ich knapp, wie es hier an der Küste üblich war, und suchte mir einen freien
Hocker an der Theke. Die Männer schauten nur kurz auf und murmelten ebenfalls ein
undeutliches “Moin”. Offensichtlich wollten sie nur sehen, ob der Neuankömmling bekannt
war. Da das jedoch nicht der Fall war, senkten sie sofort wieder ihre Köpfe.
„Wat wull du drinken?”, fragte mich der dickliche glatzköpfige Wirt.
„Lütt un Lütt”, sagte ich.
Der Wirt schenkte ein kleines Bier und einen Schnaps ein und stellte mir die beiden Gläser
hin.
„Zum Wohl.”
„Danke.”
Ich kippte den Schnaps in einem Zug runter, nippte anschließend am Bier und schaute mir
flüchtig die Leute an. Man sah ihnen an, dass sie körperlich hart arbeiten mussten. Der Mann
neben mir, dessen Haare schon eine leichte grau- weiße Färbung bekamen, bestellte sich
ein Glas Bier. Er war so um die Fünfzig.
„Für mich noch mal Lütt und Lütt”, schloss ich mich der Bestellung an. Der Wirt stellt die
Getränke vor uns hin.
„Prost”, sagte ich zu dem Mann neben mir.
„Prost.”
„Du bist so in Gedanken versunken, hast wohl Probleme mit deiner Frau?” fragte ich.
„Nee!”, war die knappe Antwort.
„Ach so, aber du ärgerst dich doch über etwas?”
„Jo!”
Ich nahm mein Schnapsglas und kippte den Inhalt abermals herunter. Der Mann auf dem
Nebenhocker trank einen Schluck Bier.
„Ich ärger mich bannig über solche Leute, die den Hals nicht vollkriegen. Denen es Wurscht
ist, ob sie die Gesundheit von Menschen gefährden oder ob die dabei draufgehen. Nur Geld
scheffeln, alles andere ist uninteressant.”
Ich hatte den Eindruck, dass der Mann neben mir in den letzten Jahren nicht so viel geredet
hat wie jetzt. Er wollte etwas los werden, das spürte ich und ahnte, dass es eine interessante
Geschichte werden könnte, wenn man ihn ein wenig ermunterte. Darum bestellte ich noch
zweimal Lütt un Lütt und stellte ein kleines Glas Bier und ein Schnapsglas zu ihm hin. Dieses
Mal nahm ich das Schnapsglas mit zwei Fingern hinter das Bierglas, so dass die Ränder in
gleicher Höhe sind, und halte die Hand in Schulterhöhe meinem Thekennachbarn hin. Er tat
es mir nach, Köm und Gerstensaft in einer Hand.
„Ich bin Emil. Prost!”
„Freddy! Danke für die Lage.”
Nach alter Tradition tranken wir das Bier und den Schnaps gleichzeitig.
„Na, denn vertell mi man mol, wat di so argert.”
„Ach, is man schon ne Weile von Jahren her, weißt du? Und eigentlich kann ich die Leute
ja auch verstehen“, begann Freddy seine Geschichte. „Zwei Männer wollten endlich etwas
schaffen, wollten endlich Geld verdienen, so dass ihre Familien ein wenig sorgenfreier
leben konnten. Sie waren Fischer und brauchten ein größeres Boot, mit dem sie weiter
hinausfahren konnten, als mit den schweren Holzruderbooten. Das würde ihnen ein
verbessertes Fangergebnis bescheren.
Die Freunde Rolf Langner und Ferdinand Albers kauften auf Ratenzahlung einen
Motorkutter. Sie rechneten sich aus, dass der Fischfang die Familien
ernähren und Ausflugsfahrten mit Urlaubern die Kreditraten einbringen würde.”
„Aber das ist doch nichts zum Ärgern, es klingt sogar sehr vernünftig”, warf ich ein. Freddy
bestellte zwei Bier. Den Korn ließ er weg, denn jetzt wollte er die ganze Geschichte ohne zu
lallen erzählen.
„Die beiden fingen nun deutlich mehr als vorher mit dem Kahn. Granat, Schollen und Aale
wurden nach dem Fang für den Verkauf zubereitet und dann hauptsächlich nach Oldenburg
und Bremen an die Fischverkäufer geliefert. Sie waren zufrieden aber die hohen Raten
drückten sie doch sehr. Die Einnahmen mussten gesteigert werden.
Irgendwann lernten sie Anne Herrmann kennen. Anne, eine sehr rührige Unternehmerin,
verhandelte mit Pensionen, Hotels und mit Ärzten und es gelang ihr unzählige
Kurgästen an den Jadebusen zu locken.
Sie kümmerte sich auch während des Aufenthaltes um das Wohl ihre Gäste, organisierte
Tanzabende, Kinovorführungen und als Höhepunkt Tagestouren auf dem Jadebusen per
Schiff. Sie handelte mit Rolf und Ferdinand einen Pauschalvertrag aus, mit dem beide
Parteien zufrieden waren. Vom Frühjahr bis zum Herbst sollten regelmäßig solche
Touren stattfinden. Außerdem boten sie auch für die Camper und Pensionsgäste, die in
eigener Regie angereist waren, gelegentlich Schiffstouren an. So ließen sich die Raten gut
abtragen.
Rolf stellte daraufhin beim Verkehrsausschuss der Gemeindeverwaltung einen Antrag auf
Genehmigung für Ausflugsfahrten. Der Kutter wurde begutachtet, aber die Genehmigung
nicht erteilt.
Das hatte gleich mehrere Gründe. Der Hauptgrund war aber der schlechte allgemeine
Zustand und die katastrophale Sicherheitsausrüstung des Kutters.”

Ein eisiger Windzug wehte durch die Gaststätte, als ein weiterer Mann die Schankstube
betrat. Der neue Gast, ein älterer graumelierter Mann kam auf uns zu.
„Moin Freddy, na, mien Jung, allns kloor?”,
„Jo, allns kloor. Dat is Emil, een Feriengast. Emil, dat is mien Vadder, Jan Brand.
Vadder, ik vertell em jüst de Geschicht mit dem ollen Kutter und de Kurgäst.”
Mein Gesprächspartner wandte sich mir zu.
„Emil, ich lasse mal meinen Vater weitererzählen. Er war nämlich ein wichtiger Teil
dieser Geschichte. Willst du die überhaupt weiter hören?”
„Ja, klar! Es interessiert mich wahnsinnig. Ich schreibe immer mal Geschichten, weiß zwar
noch nicht, worum es sich hier so richtig handelt, aber es hört sich spannend an.”
Ich bestellte drei Bier und stellte anschließend Freddys Vater auch ein Glas hin. Dabei
wandte ich mich dem neuen Gast zu, der den freien Barhocker neben mir belegte.

„Ich bin Emil aus Bremen und bin hier drei Wochen zur Kur wegen meiner Bronchien. Eure
frische Seeluft tut mir richtig gut.”
„Die Leute hier sagen einfach Jan. Moin, Emil.”
„Moin, Jan.”
Freddy berichtet seinem Vater kurz, was er mir schon erzählt hatte. Dann führte Jan mit
sonorer Stimme die Erzählung fort.


„Es ist schon lange her, aber ich weiß noch genau, was damals am 26.August 1930
passierte. Eigentlich ist es nicht meine Art, zu prahlen, aber wenn du die Geschichte hören
willst, erzähle ich sie dir. Nach Feierabend fuhren Rudi und ich gern mal mit einem
Ruderboot raus, sofern es die Gezeiten zuließen. Rudi Höfers und ich waren Schulfreunde
und trafen uns auch nach der Schulzeit regelmäßig zum Angeln. Auf dem Jadebusen
genossen wir die unendliche Ruhe oder wir quatschten uns einfach nur aus und zogen so
ganz nebenbei so manche Aale und auch Schollen aus dem Meer.
Am 26. August war das Hochwasser so gegen 22.00Uhr erreicht und um 20.00 Uhr war
schon genug Wasser in den Prielen, so dass wir mit Rudis Ruderboot den Vareler Hafen
verlassen und auf den Jadebusen fahren konnten. Wir ruderten ein ganzes Stück hinaus um
zu angeln. Es war wie fast immer himmlisch ruhig, nur den Wind spürten wir als leichte Brise
und wenn wir ein Ohr zum Wind drehten, war das fast immerwährende Rauschen der
Wellen zu hören.
Doch plötzlich war in weiter Ferne ein nicht zum Wattenmeer passendes Geräusch zu
vernehmen. Wir lauschten angestrengt und Rudi sagte: „Du, Jan! Ich glaube, das könnten
Hilferufe sein.”
Wir schauten in die Richtung aus der wir die Rufe vernahmen. Weit draußen entdeckten wir
ein schwaches Licht, das unregelmäßig aufblinkte. Nach einiger Zeit erkannten wir die
Abstände der Lichtzeichen. Dreimal kurz, dreimal lang und wieder dreimal kurz.
„SOS! Da sind Menschen in Seenot!”, sagte ich.
Wir ruderten mit kräftigen Schlägen das Boot in nördlicher Richtung voran. Wir beeilten uns,
denn die Unglückstelle war geschätzte vier Kilometer weg. Es ging um Menschenleben. Je
näher wir kamen, desto lauter waren die Hilferufe und Angstschreie von Frauen und Kinder
zu hören. Wir konnten immer mehr Stimmen wahrnehmen. Dort schienen viele Menschen in
Not zu sein.
Dann sahen wir den Kutter abseits der Fahrrinne. Wir waren schon einige Mal dort zum
Angeln und wussten daher, dass es bei diesem Wasserstand dort eine Tiefe von gut fünf
Metern hatte. Es reichte allemal, um den Kutter versinken zu lassen.
Wir erreichten das havarierte Boot, hielten uns an der Bordwand fest und riefen nach dem
Kapitän, der uns hastig berichtete, dass der Kutter gegen eine Bake gefahren und Leck
geschlagen sei. Der Kutter begann zu sinken und die zweiunddreißig Menschen an Bord
würden alsbald im Wasser stehen. Je weiter das Schiff absackte, umso schneller drang das
Wasser ein.”

Ich hob die Hand und unterbrach Jan. Als Landratte hatte ich überhaupt keine Ahnung was
Baken sind und benötigte eine Erklärung.
„Das sind Seezeichen, die fest im Meeresboden verankert sind. Zumeist bestehen sie aus
Holzstämmen oder pyramidenförmig angehäuften Steinhaufen. Sie markieren die
Wasserstraßen”, erläuterte Jan und erzählte dann weiter. „Zweiunddreißig Leute und nur
unser kleines Ruderboot. Emil, kannst du dir vorstellen, wie uns zumute war?
Zweiunddreißig und wir mussten vier Kilometer Richtung Vareler Hafen und wieder zum Kahn
zurückrudern. Wir konnten doch nur wenige Personen mitnehmen.”

Jan nahm sein Bierglas und trank es in einem Zug leer. Er schien ganz aufgeregt zu sein,
so, als sei er wieder mitten in der Rettungsaktion. Ich bestellte noch mal drei kleine Bier
und Jan goss seines wieder in einem Zug herunter.

„Es war furchtbar, die Frauen und Kinder schrien oder weinten. Das Wasser lief unaufhörlich
ins Boot. Die Männer versuchten es wieder herauszuschöpfen, sie hatten aber lediglich eine
einzige Pütz. Die anderen versuchten mit ihren Mützen, einer Kaffeekanne oder Tassen das
Wasser aus dem Schiff zu schöpfen. Sie hatten Todesangst und kämpften um ihr
Überleben. Wir nahmen zunächst die Kinder und drei Frauen ins Ruderboot und quetschten
sie in Bug und Heck unseres Ruderbootes.
Die mittlere Bank musste frei bleiben, damit wir weiter vernünftig rudern konnten.
Wir pullten bis zur Zufahrt des Vareler Hafens, dort mussten die Frauen und Kinder
aussteigen und ein kleines Stück durch den Schlick gehen bis sie festen Boden unter den
Füßen hatten.
Rudi und ich ruderten wieder zur Unglückstelle hinaus, wo das Wasser inzwischen die
Bordwand des Kutters fast überspült hatte und das Boot in Richtung Meeresgrund zog. Rudi
forderte die Frauen mehrfach auf ins Ruderboot zu kommen, doch spielten sich schreckliche
zwischenmenschliche Tragödien ab. Einige wollten bei ihren Männern auf dem Kutter
bleiben, sie gingen davon aus, dass diese nicht mehr würden gerettet werden können. Die
Menschen umarmten sich und schluchzten haltlos. Sie sagten nicht mehr viel und meinten,
es wäre wohl die letzte Umarmung und der letzte Kuss. Angst stand in allen Gesichtern und
wir hatten große Mühe, den Frauen klarzumachen, dass sie ihre Kinder nicht alleine lassen
konnten. Bevor wir sie dazu bewegen konnten, unser Boot zu besteigen, drängten sich
plötzlich zwei Matrosen des Kutters an die Reling. Sie schubsten zwei Frauen beiseite und
kletterten über die Bordwand. Wir hielten sie mit den Rudern davon ab auf das Boot zu
springen, woraufhin einer der Männer eines der Ruder ergriff und es mir entriss. Es fiel ins
Wasser und trieb vom Boot weg.
Mir blieb nichts anderes übrig als ins Wasser zu springen um das Ruder wiederzuholen. Die
Männer auf dem Kutter überwältigten die beiden Egoisten und halfen nun den Frauen in das
kleine Boot. Sie schwiegen und fügten sich in ihr Schicksal, ahnten sie doch, dass sie ihre
Männer nie wiedersehen würden. Wir mahnten zur Eile und meinten, wenn wir nur schnell
genug wären, könnte der Kutter wohl noch durchhalten.

Wir legten uns in die Riemen und ruderten wiederum zum Vareler Hafen, was mir
mit den nassen Klamotten deutlich schwerer wurde, und setzten die Frauen auf dem
schlickigen Watt ab. Auf der Mole erschien der Schleusenwärter und rief uns zu, dass ein
Motorbootbesitzer unterwegs sei um uns bei der Rettungsaktion zu unterstützen. Wir,
mittlerweile sichtbar erschöpft, machten uns wieder auf den Weg zum Wrack.
Es war nicht mehr an der Stelle, an der wir es zurückgelassen hatten. Ruhig war es auf dem
Jadebusen geworden, gespenstisch ruhig.
„Mensch, Rudi! Der Kutter ist gesunken. Lass uns noch ein Stück mit der Strömung rudern,
vielleicht finden wir noch Überlebende”, hoffte ich.

Im Lichtschein des Mondes sahen wir den Kutter dann doch noch. Er lag schon so tief im
Wasser, dass man ihn kaum noch wahrnehmen konnte. Nur das Ruderhaus und der Mast
befanden sich noch über der Wasseroberfläche. Die Ebbe hatte ihn zusätzlich ein ganzes
Stück in Richtung offenes Meer gezogen. Die Männer an Bord waren ruhig, sie hatten
aufgegeben. Wir riefen ihnen zu, dass wir gleich da seien, und es kam wieder Leben in sie.
Wir erreichten das tiefliegende Schiff, nahmen die Männer, die nun schon bis zur Brust im
Wasser standen, auf und zurück ging es in Richtung Vareler Hafenschleuse.
Nach wenigen Ruderschlägen sank der Kutter mit einem letzten Gurgeln auf den Grund des
Jadebusens. Es war wahrhaftig die Rettung im allerletzten Moment gewesen.
an.
Auf halber Strecke zum Vareler Hafen kam uns das Motorboot entgegen. Einige Männer
stiegen um und wir gingen in Schlepptau, um uns zurück ziehen zu lassen. Erschöpft
lagen wir im Ruderboot mit zittrigen Armen und Beinen. Die Aktion hatte uns alles an Kraft
abverlangt. Die Freude der an den Ufern stehenden Geretteten war überschwänglich als die
letzten acht Passagiere aus dem Boot kletterten. Jetzt schossen Rudi und mir die Tränen in
die Augen. Die Kurgäste, mit wattverschmierter und teilweise zerrissener Kleidung, die so
erbärmlich frierend dort am Kai standen sahen so unendlich glücklich aus.

„Es war ein wunderbares Gefühl zweiunddreißig Menschenleben gerettet zu haben. Wir
waren total erschöpft und Aale hatten wir auch nich“, meinte Jan und grinste vor sich hin.
Ich hatte ergriffen zugehört. Nur war mir manches nicht ganz klar geworden.
„Warum sind die denn mitten in der Nacht mit dem Kutter rausgefahren und wieso ist das
Boot dann vom Kurs abgekommen?”
„Tschaaaa”, antwortete Freddy, „das war dscha man so, dass die Belustigungsfahrt für die
Kurgäste schon vormittags um zehn Uhr von Varel aus gestartet war. Der Kutter fuhr
zunächst bis nach Arngast, wo die Gäste badeten und den Leuchtturm besichtigten.
Anschließend ging es weiter in Richtung Eckwarden. Doch hatte der Wind gedreht und das
schnell ablaufende Wasser machte eine Weiterfahrt unmöglich. Bei den früheren
Marschinseln Oberahnische Felder ging der Kutter vor Anker. Besatzung und Gäste
mussten nun bis zur Flut in den späten Abendstunden auf die Weiterfahrt warten. Als es
soweit war, soll man den Kapitän nicht gleich gefunden haben. Erst nach einer Weile fanden
sie ihn schlafend in seiner Koje. Man munkelt, dass Alkohol eine Rolle gespielt hätte. So,
den Rest der Geschichte kennst du. Mein Vater und Rudi wurden von der Stadt geehrt und
erhielten sogar eine Geldprämie.”
„Die von uns Geretteten gaben eine Annonce in der Zeitung auf. Darüber habe ich mich
besonders gefreut”, ergänzte Jan den Bericht. „Hier, kuck ma. Den Text habe ich noch in
meinem Portemonnaie.”
Er kramte einen Zettel aus seiner Börse und reichte ihn mir.
„Den mutigen Rettern, Rudi Höfers und Jan Brand, die ihr Leben für uns in der
Schreckensnacht auf dem Jadebusen am 26. August 1930 aufs Spiel gesetzt
haben, sagen wir unseren herzlichen Dank. Die schiffbrüchigen Kurgäste von Varel”

Ich war beeindruckt und dankte Freddy und seinem Vater Jan für die Erzählung. Ich
empfand es als sehr schlimm, wie leichtfertig einige Menschen mit dem Leben anderer
umgingen. Schwankend, nicht vom Alkohol, obwohl es am Ende mehr als nur ein Absacker
geworden war, ging ich langsam zum Deich. Ich stand unter dem Eindruck des eben
Gehörten und fühlte mich, als sei ich bei der Rettungsaktion dabei gewesen. Meine Arme
waren schwer, als hätte ich stundenlang die Riemen mit letzter Kraft durch das Wasser
gezogen.
Der Vollmond schien auf das im Watt auflaufende Wasser und verzierte es mit einem
traumhaft schönen Schimmer. Es sah so ruhig, so harmlos und irgendwie vertraut aus. Der
Jadebusen wirkte wie ein großer See, der niemandem ein Leid zufügen will. Doch das Meer
verzeiht keine Fehler. Als ein Teil der gefährlichen Nordsee hat sich das Wasser über
Jahrhunderte unzählige Menschenseelen geholt. Die Vareler Helden, Jan Brand und Rudi
Höfers hatten mit letzter Kraft dafür gesorgt, dass die See 32 Menschenleben weniger
bekam.



NAMEN:
Rolf Langner: Kuttereigner
Ferdinand Albers: Kuttereigner

Anne Herrmann: Vermittlerin für Kurgäste nach Varel
Emil Müller: Kurgast, Buchautor und Zuhörer

Freddy Brand: Sohn von Jan Brand und Berichterstatter

Jan Brand - Vater von Freddy Brand, Angler, Retter, Berichterstatter
Rudi Höfers, Freund von Jan Brand, Angler, Retter

*******************************
Nach Ebbe folgt immer eine Flut

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