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Ich weise aber aus gegebenem Anlass darauf hin, dass jeder Interessent sich vorab im Netz über
Druckkosten-Zuschuss-Verlage (DKZV) informieren sollte, die lediglich darauf abzielen, für viel Geld
die Träume mancher Jungautoren zu verwirklichen. Sie haben mit "echten" Verlagen nichts zu tun.


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 OFFTOPIC
Petrusautor Offline

Admin


Beiträge: 8.794

22.12.2011 10:22
... und dann ist plötzlich Weihnachten Zitat · antworten

…und dann ist plötzlich Weihnachten
© Claus Beese 2011

Die Zeit wird immer schnelllebiger. Die Tage rauschen an einem vorüber, kaum hat man sich an den Alltag gewöhnt, ist schon wieder Wochenende. Unfassbar! Wo waren wir eigentlich in diesem Jahr in Urlaub? Ich grüble, aber es fällt mir nicht ein. Ist schon soooo lange her. Und dann, urplötzlich und aus heiterem Himmel, passiert es. Meine bessere Hälfte drückt mir eine zweiseitig eng geschriebene Liste in die Hand, und ich ahne voller Schrecken: Die Einkaufsliste zu Weihnachten. „Wie lange noch?“, flüstere ich mit belegter Stimme. „Drei Tage!“, verkündet mein Herzblatt und die Vorfreude auf das Fest leuchtet aus ihren Augen. Ein Stöhnen entringt sich meiner Brust, doch sie nimmt mich in den Arm. „Keine Panik“, sagt sie sanft und beruhigend. „Wir schenken uns schon seit zehn Jahren nichts mehr!“ Oh, Mann! Gerettet. Ich liebe dieses Teufelsweib.
Kann man denn nicht mal im Fernsehen auf solch ein Ereignis hinweisen? Seit ich irgendwann in der Pubertät aufhörte, zu Nikolaus mit einem Sack singend durch die Geschäfte zu laufen, habe ich jedes Zeitgefühl verloren. Nikolaus war immer so etwas wie ein Voralarm. Aber nun? Man lebt so dahin, die Jahreszeiten unterscheiden sich nicht mehr wirklich voneinander, und dann …, ist plötzlich Weihnachten. Die Ruhe des Jahres ist dahin, die Welt um einen herum versinkt in operativer Hektik. Man erledigt Einkäufe, als gäbe es nach dem Fest in den Läden nichts mehr zu kaufen. Menschen rufen an, an die man sich kaum noch erinnert oder verstopfen einem den Briefkasten mit nichtssagenden Grußkarten. Merkwürdig, in der Tat. Selbst die noch relativ unreifen Nestflüchter zieht es einmal im Jahr ganz spontan in heimatliche Gefilde zum Sattessen. "Einmal im Jahr", so ihr gefräßiger Kommentar, "einmal im Jahr muss es einfach sein. Rööölps!"
Am Nachmittag zuvor hatten sich bereits überraschend Gäste zum Kuchen eingefunden, ja, sogar Leute, bei denen man erst einmal eine Weile über deren Namen nachdenken musste, tauchten auf. "Ach, Mutter! Du hier? Wie schön!" "Was hast du gesagt?!" Mutter ist fast 90 und hört nicht mehr so gut. Obwohl ihr Doktor behauptet, sie höre noch das Gras wachsen, läuft in ihrer Wohnung der Fernseher mit Lautstärke am Anschlag. "Ich höre noch gut!", behauptet die alte Dame ebenfalls steif und fest. "Aber, in meinem Alter und mit den heutigen Segnungen der Technik muss ich mich doch nicht anstrengen, um noch besser zu hören!"
"Papa!", kommt es undeutlich aus dem mit Kuchen vollgestopften Mund meines Ablegers. "Eigentlich hatte ich ein ganz tolles Geschenk für dich..." Eifrig schiebt die Tochter Kuchen nach, denn man konnte sie schon fast wieder verstehen. "Aber als ich heute Morgen in den Laden kam, war alles schon ausverkauft." Pech gehabt. Na, dann eben wieder das übliche Fläschchen Rasierwasser.
Ihre Mutter, meine Frau, dieses mir angeheiratete Naturereignis, hat dagegen das ganze Jahr über gesammelt und als mein Arbeitszimmer vollgestopft war mit den Weihnachtsgeschenken unserer Tochter, parkte ich den Wagen in der Einfahrt, um noch den restlichen Platz in der Garage als Lager nutzen zu können.
Ich trug das schmutzige Geschirr in die Küche. "Soll ich dir tragen helfen?" vernahm ich die Stimme meines eigen Fleisch und Blutes. "Um Gottes Willen, bleib sitzen!", erwiderte meine Frau, "das kann er noch alleine. Sooo alt ist Papa ja nun auch wieder nicht!" So ist es, Tochter. Ich bin die Arbeit ja auch gewöhnt, und habe Verständnis für die Anstrengungen der Jugend, sich niemals daran gewöhnen zu wollen.
"Wann gibt es Abendessen?", wollte Mutter wissen. Sie hatte bereits vergessen, dass sie eben Kaffee und Kuchen hatte. "Ja, und wann stecken wir den Weihnachtsbaum an?", fragte das Töchterchen eifrig. Ich betrachtete sie, als hätte sie zwei Köpfe. Wo hatte sie nur diese pyromane Ader her? Bei uns wurden schon lange keine Kerzen mehr am Weihnachtsbaum entzündet. Seit wir uns auch weihnachtlich dem Atomzeitalter angeschlossen haben, funktioniert alles elektrisch und auf Knopfdruck, sozusagen.
"Ja, habt ihr denn dieses Jahr gar keinen Baum?", fragte Mutter erstaunt und schaute durch das Zimmer. Ich hob nur stumm die Hand und zeigte in die Zimmerecke am Fenster. Dort, wo er seit Jahren steht, hat der grüne Plastikgeselle auch dieses Jahr wieder ganz überraschend seinen Platz gefunden. "Ah! Habt ihr den neu?" , wollte Mutter wissen. "Der ist aber gut gewachsen!" Nein, der Baum ist schon etwa 15 Jahre alt, und nadelt kein bisschen. Seine Plastiknadeln sind ein wenig staubig. Saubermachen lohnt nicht, schließlich wird er ja nur ein paar Tage im Jahr benutzt. Bevor man den abgestaubt hat, ist Weihnachten vorbei, und er wandert wieder in seinen Karton auf den Dachboden.
"Ach, schalte doch mal die Baumbeleuchtung ein", forderte mich mein Ehegespons auf. Ich griff zum Schalter der Steckerleiste, drückte ihn und der Baum explodierte in einem kurzen, aber heftigen Blitz. Wir saßen im Dunkeln. "Oh", sagte Mutter überrascht. "Hat er das im letzten Jahr auch schon gemacht?" „Kerzen! Kerzen!“, jubelte mein Ableger. Im Schein einiger Wachslichter saßen wir an diesem Abend und warteten auf den Entstördienst der Stadtwerke. Das Abendessen war wieder einmal unglaublich lecker, wenngleich die Würstchen zu dem kalten Kartoffelsalat wenigsten ein bisschen heiß hätten sein dürfen. Doch so …, das Atomzeitalter kann nicht immer nur Gutes bringen.



Weitere Weihnachtsgeschichten findet Ihr auf meiner Internetseite www.claus-beese.de

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Allen eine Handbreit Sonne zwischen den Wolken.
Petrusautor Claus

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