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Faszination Wasser
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Leider habe ich keinen Einfluss auf die am rechten Bildrand eingeblendete Google-Werbung.
Ich weise aber aus gegebenem Anlass darauf hin, dass jeder Interessent sich vorab im Netz über
Druckkosten-Zuschuss-Verlage (DKZV) informieren sollte, die lediglich darauf abzielen, für viel Geld
die Träume mancher Jungautoren zu verwirklichen. Sie haben mit "echten" Verlagen nichts zu tun.


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Dieses Thema hat 37 Antworten
und wurde 1.662 mal aufgerufen
 Koschorrek-Müller, Anita
Seiten 1 | 2
Anita K-M Offline

Forengott / Forengöttin


Beiträge: 1.803

13.04.2014 21:36
Die Seniorenzeitung Zitat · antworten

Seit Anfang 2012 arbeite ich bei einer Seniorenzeitung mit. Der „Erfahrungsschatz“ erscheint vier Mal im Jahr, mit einer Auflage von ca. 8500 Exemplaren, als Beilage des Amtsblatts der Verbandsgemeinde Trier-Land.
Einige der Kurzgeschichten, die ich für den „Erfahrungsschatz“ geschrieben habe, möchte ich Ihnen gerne vorstellen.

Anita K-M Offline

Forengott / Forengöttin


Beiträge: 1.803

13.04.2014 21:54
#2 RE: Die Seniorenzeitung Zitat · antworten

Leben auf dem Land oder Einer mäht immer!

Die Mittagsruhe ist beendet, 15.00 Uhr, der Erste fängt an. Ich sitze mit einer Tasse Kaffee auf der Terrasse, und will ein bisschen lesen. Das Geräusch ist unverkennbar. Ein Rasenmäher!
Wer mäht? Ich halte Ausschau! Der von der anderen Straßenseite, zwei Häuser weiter. Der hat nicht viel zu mähen, der ist in zwanzig Minuten fertig, also bleibe ich sitzen. Ich habe schon am Vormittag gemäht und bin froh, dass ich es erledigt habe.
Nach zehn Minuten fängt der nächste an, direkt gegenüber. Oh je, der mäht mindestens zwei Stunden. Ich trinke meinen Kaffee aus und flüchte ins Haus. Ich gehe ins Schlafzimmer mit Fenster Richtung Nord-Ost, lege mich aufs Bett und lese weiter. Die Rasenmäher sind auf der Südwest-Seite des Hauses in Aktion. Nur ein leises Brummen ist zu hören. Ich glaube, ich kann es überhören. Ich lese weiter. Na ja, bis vier kann ich mir eine Lesepause gönnen, dann muss ich wohl oder übel aufhören, die Pflicht das Luder ruft! Das Buch zieht mich in seinen Bann und mein Geist entschwindet in ein fremdes Land, in eine andere Zeit.
Halb vier, ich bin wieder in der Realität. Der gegenüber des Schlafzimmerfensters mäht seinen Rasen. Hat der nicht erst vor zwei Wochen gemäht? Ja, er hat! Ich kann nicht mehr weiterlesen! Unmöglich! Ich setze mich auf und schließe wehmütig mein Buch. Es war gerade so spannend!
Ich glaube, es ist noch nicht einmal zwei Wochen her, dass der gemäht hat, höchstens zehn Tage!

Was nun? Ich suche mir eine Arbeit, bei der ich die Rasenmäher nicht höre.
Staubsaugen im Keller! Dann lade ich die leeren Flaschen und Gläser ins Auto und fahre zum Glascontainer. Nach zwanzig Minuten komme ich zurück, einer ist noch dran. Nach dem Abendessen will ich weiterlesen. Jetzt wird es schon früher dunkel, dann kann keiner mehr mähen. Kurz vor Sonnenuntergang verstummt das letzte Rasenmähergeräusch. Auch die Berufstätigen konnten noch den Feierabend nutzen und den Rasen mähen. Wahrscheinlich das letzte Mal in diesem Jahr. Ich werde dieses Geräusch nicht vermissen.

Der Herbst kündigt sich bereits an. Ich ziehe mir eine warme Jacke an und setze mich mit meinem Buch, bei Kerzenschein, auf die Terrasse. Im Westen ist der Himmel orangerot gefärbt.
Ein lautes schepperndes Motorengeräusch reißt mich aus der Abendstimmung. Auf dem Feld gegenüber der Straße, Luftlinie etwa zweihundert Meter entfernt, im Scheinwerferlicht seines Traktors mäht ein Bauer den Mais ab. Frustriert räume ich meinen beschaulichen Platz auf der Terrasse. Ich gehe noch ums Haus, um die Garage zu schließen. Die Garage des Nachbarhauses ist auch noch offen, das Licht brennt und der Nachbar werkelt herum.
„’n Abend Fritz! Noch fleißig?“
„Ja, ja, ich kriege den Laubsauger nicht in Gang! Wenn das nicht klappt, muss ich doch noch einen neuen kaufen, es liegen schon so viele Blätter unten. Oder vielleicht doch nicht? In der Zeitung stand neulich ein Artikel, dass man die Blätter auch mit dem Rasenmäher wegkriegt!

Ist das Landleben nicht schön?

Anita K-M Offline

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14.04.2014 22:47
#3 RE: Die Seniorenzeitung Zitat · antworten

Im Nachtzug nach Paris

Die Besatzungsmacht in Trier, von Juli 1945 bis Mai 1999, war Frankreich. Zeitweise lebten in Trier 21000 Soldaten und Trier war somit, nach Paris, die zweitgrößte französische Garnison weltweit. Deshalb wurden auch die Nachkriegsgenerationen noch mit den Besatzern konfrontiert.

So erging es auch mir im Sommer 1972, als ich mit dem Nachtzug von Trier nach Paris fuhr. Schon beim Betreten des Bahnsteigs fiel es mir wie Schuppen von den Augen, warum die nette Dame am Fahrkartenschalter der Bundesbahn (so etwas gab es damals noch) den Kauf einer Platzkarte empfohlen hatte. Der Bahnsteig war belagert von hunderten, junger Franzosen, die in Trier ihren Wehrdienst ableisteten und nun, zum Wochenende, schnellstens nach Hause wollten.

Während alle Fahrgäste auf den Zug Trier-Paris warteten, umschwirrten mich die jungen Männer, wie Motten das Licht. Heute würde man sagen: Sie baggerten mich an.
Dann fuhr der Zug in den Bahnhof ein, kam mit quietschenden Bremsen zum Stehen und wurde sofort von der Horde Soldaten geentert, denn jeder wollte einen Sitzplatz ergattern. Irgendwann hatte ich schließlich in diesem Chaos, vollkommen entnervt, meinen Platz gefunden. Der kleine Franzose, der sich dort bereits breit gemacht hatte, war mit Unterstützung eines Zugbegleiters der Bundesbahn schnell vertrieben.
Der Zug war rappelvoll! In meinem, für sechs Personen vorgesehen Abteil, saßen sieben Personen, sechs Franzosen und ich. Ich saß am Fenster, in die Ecke gepresst, die Armlehne, um auf Abstand zu gehen, demonstrativ heruntergeklappt. Die sechs Franzosen, alles dünne Kerle, und ihre sechs Gepäckstücke belagerten den Rest des Abteils. Sie machten ihre Witze, was mich kalt ließ und mich nicht zum Erröten brachte, weil ich nämlich, Gott sei Dank, kein Französisch sprach und nichts verstand.
In Apach, der Bahnstation an der deutsch-französischen Grenze, gab es einen längeren Aufenthalt. Die Militärpolizei kontrollierte Ausweispapiere und vermutlich auch Urlaubsscheine. Durch das Fenster sah ich, wie zwei junge Männer abgeführt wurden. Die Stimmung in meinem Abteil war gedrückt, entweder aus Mitleid mit den Verhafteten oder weil die Kerle im Abteil selber Dreck am Stecken hatten.
Endlich fuhr der Zug weiter. Noch etwa sechs Stunden würde ich es in diesem Abteil aushalten müssen. Einmal stand ich auf, um einen Blick in den Gang zu werfen. Ich hätte lieber den Rest der Fahrt allein im Gang zugebracht, als in diesem Abteil, das Ähnlichkeit mit einer Sardinenbüchse hatte. Doch Fehlanzeige! Auch der Gang war belagert. Ich fügte mich in mein Schicksal und harrte aus. Die Luft wurde immer stickiger. Doch dann nahm das Unheil seinen Lauf. Die Gespräche meiner Mitfahrer verstummten und langsam dämmerten sie hinüber ins französische Traumland. Die jungen Männer machten es sich gemütlich und legten jeweils ihre Füße auf die gegenüberliegende Sitzbank. Weil es alles ordentliche Jungs waren, zogen sie ihre Schuhe aus und das Fenster im Abteil klemmte. Das war der Härtetest für die deutsch-französische Freundschaft!
Als mich meine Freunde gegen 6.00 Uhr morgens am Bahnhof in Paris abholten, fiel ihnen sofort meine grünliche Gesichtsfarbe auf. Doch ich hatte überlebt!
Nach dem ersten Café crème und einem Croissant in einem Pariser Straßencafé war die Fahrt im Nachtzug Trier-Paris vergessen. Drei Wochen Paris warteten auf mich!

Anita K-M Offline

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15.04.2014 22:58
#4 RE: Die Seniorenzeitung Zitat · antworten

Elster

Seit Jahrzehnten, immer gegen Jahresende, steckte sie in den Briefkästen. Ein Vorbote, der das kommende Neue Jahr ankündigte, auf etwas stärkerem Papier gedruckt, in immer wechselnden angenehmen Farbtönen, Größe DIN A5.
Die Lohnsteuerkarte! Jetzt hat sie ausgedient! Nie mehr werden wir sie unseren Briefkästen entnehmen, einen kurzen Kontrollblick auf die rechte obere Ecke werfen, um nachzuprüfen, ob unsere Steuerdaten korrekt erfasst sind.
Statt dessen flattert ein Brief ins Haus und informiert uns darüber, dass jetzt alles anders wird.

ELSTER heißt das Zauberwort! Mit Hilfe dieses Vogels geht alles schneller, leichter, einfacher!
In dem Schreiben wird empfohlen, die bei der Finanzverwaltung hinterlegten „Elektronischen LohnSteuerAbzugsMerkmale“ kurz genannt „ELStAM“ auf ihre Richtigkeit hin zu prüfen. Diese Daten können beim zuständigen Finanzamt abgefragt werden oder übers Internet im ELStER-Online-Portal eingesehen werden.
Na, dann mach ich das doch mal: www.elster.de
Eine Authentifizierung (zu deutsch: Echtheit bezeugen) ist nötig! Mmh. Ich lese, klicke, lese. Aha, ELStER-Basis ist für mich das Richtige, kostenlos, einfache Bedienung! Schön! Weiter im Programm! Ich lese, klicke, lese.
Oh, jetzt prüft der Konfigurations-Assistent, ob mein System die notwendigen Voraussetzungen erfüllt!
So ein Mist! Es muss erst Java Runtime Enviroment installiert werden. Was ist das? Und wie macht man das? Mittlerweile ist mehr als eine Stunde vergangen und ich mag nicht mehr.
Morgen rufe ich beim Finanzamt an, telefonieren kann ich nämlich richtig gut!

„Guten Morgen, ich möchte wissen, ob meine Lohnsteuer-Abzugsmerkmale richtig erfasst sind.“
„Moment, ich verbinde.“
„Guten Morgen, ich möchte wissen, ob meine Lohnsteuer-Abzugsmerkmal richtig erfasst sind.“
„Wie kommen Sie an meine Telefonnummer?“
„Man hat mich verbunden.“
„Ach, so?“
„Brauchen Sie meine Steuernummer?“
„Nein, Name reicht.“
Der Finanzamtsmitarbeiter teilt mir meine Daten mit und fragt nach: „Haben Sie Internet?“
„Ja“
„Dann können Sie Ihre Daten auch übers Internet abfragen.“
„Nein, kann ich nicht“
„Doch das geht, über www.elster.de !“
„Kann schon sein, dass das geht. Ich habe es probiert und kann es nicht. Laut ihrem Konfigurations-Assistenten muss ich erst Java Runtime Enviroment installieren und ich weiß nicht wie das geht.“
Der Mann am anderen Ende der Telefonleitung schweigt.
Ich sage: „Grinsen Sie nicht!“
„Wie kommen Sie denn darauf, dass ich grinse?“
„Das sehe ich!“
„Hä!“
„Spaß beiseite, meine Steuerdaten sind nicht richtig.“
„Dann brauchen Sie das Formular „Antrag auf Lohnsteuer-Ermäßigung“. Können Sie sich im Internet herunterladen über www.formulare-bfinv.de, dann Formularcenter-,Steuerformular-, Lohnsteuer. Können Sie das?“
„Ja, das kann ich.“
„Aber nur den vereinfachten Antrag runterladen und ankreuzen „wie im letzten Jahr“.
„Ja, danke, ich glaube, ich komme jetzt zurecht. Na, dann bis zum nächsten Jahr oder auch nicht? Vielleicht kann ich mich dann authentifizieren, dann brauche ich Ihre Hilfe nicht!“
Schweigen am anderen Ende der Leitung.
„Grinsen Sie nicht schon wieder, schönen Tag noch!“

Anita K-M Offline

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16.04.2014 21:23
#5 RE: Die Seniorenzeitung Zitat · antworten

Telefonieren! Aber wie?

In unserem Partykeller steht ein altes, funktionsfähiges Telefon mit Wählscheibe, für Kenner der Fernmeldeszene, ein Tischfernsprecher W48, elfenbeinfarben. In den fünfziger Jahren war dieser Apparat, allerdings meist in schwarz, in jedem Büro, in jedem Haushalt, der an das öffentliche Fernsprechnetz angeschlossen war, Normalität.

Vor einigen Jahren fand in besagtem Partykeller eine kleine Fete statt. Nachdem sich die jugendlichen Partygäste verabschiedet hatten, ging ich in den Keller und traf dort auf einen etwa 15jährigen Knaben aus dem Nachbardorf, der erfolglos versuchte telefonisch seine Heimfahrt zu organisieren.
„Ich glaube, bei meinem Handy ist der Akku leer und ich habe kein Netz. Kann ich mal telefonieren?“
„Aber sicher doch“, lautete meine Antwort. „Dort steht ein Telefon und das funktioniert auch.“
Etwas ungläubig blickte mich der junge Mann an, näherte sich vorsichtig dem Fernsprechapparat und hob ehrfurchtsvoll den schweren Hörer ab.
„Und jetzt? Was muss ich jetzt tun?“
Diese Frage verblüffte mich.
„Du musst die Telefonnummer wählen“, antwortete ich.
„Und wie mache ich das?“
Prüfend sah ich den jungen Mann an und sog schnuppernd die Luft ein. Was war mit diesem Knaben los? Sollte da Alkohol im Spiel sein?
„Ich weiß nicht wie man das macht. Das Telefon hat ja keine Tasten“, erklärte er seine Verwirrung.

Mir fiel es wie Schuppen von den Augen. Dieser Junge hatte noch nie in seinem Leben ein Telefon mit Wählscheibe benutzt. So verwundert, wie ich jetzt guckte, hatte auch der smarte Verkäufer im Elektronikmarkt geguckt, bei dem ich vor einigen Tagen ein Ersatzteil für mein elf Jahre altes Handy gekauft hatte. Nur dieses anschließende überhebliche Grinsen war auf meinem Gesicht natürlich nicht zu sehen.
„Also“, begann ich mit meiner Bedienungsanleitung, „du steckst den Finger in das Loch mit der entsprechenden Nummer, die du wählen willst und drehst die Wählscheibe bis zu diesem kleinen Metallbügel, ziehst den Finger dann aus dem Loch und wartest bis sich die Wählscheibe wieder zurück gedreht hat. Dann kommt die nächste Nummer an die Reihe, bis du die komplette Telefonnummer gewählt hast.“
Vorsichtig folgte der Junge meinen Anweisungen, hatte abgehenden Ruf und strahlte mich an: „COOL!“

Anita K-M Offline

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17.04.2014 12:21
#6 RE: Die Seniorenzeitung Zitat · antworten

Der kirschförmige Beruhigungssauger

Heute wird das kleine Mädchen aus dem Krankenhaus entlassen. Noch ein Dankeschön an die Schwestern der Säuglingsstation und es geht nach Hause. Zufrieden liegt sie in ihrer Tragetasche, im Mund einen rosa Schnuller.
Eine aufregende Zeit beginnt! Schritt für Schritt, kommt eine gewisse Regelmäßigkeit in die Symbiose zwischen Mutter und Kind.
Schlafen, stillen, wickeln und der rosa Schnuller entpuppt sich für den Part „Schlafen“ als ein unerlässliches Accessoire. Mit der Zeit wird er jedoch etwas unansehnlich. Die Kautschukmasse geht langsam in einen Auflösungsprozess über, was durch das regelmäßige Auskochen noch begünstigt wird.

Beim nächsten Einkauf im Drogeriemarkt besorge ich Ersatz, einen Classic-Sauger Größe 1. Aber siehe da, das neue Modell ist kiefergeformt und wird nicht akzeptiert.
Was nun? Oma bekommt den Auftrag einen Schnuller in runder Form zu besorgen. Am nächsten Tag kommt die Oma mit einer ganzen Schnullerkollektion angereist. Nicht ein einziger besteht den Nuckeltest. Langsam bin ich genervt!
„Die kannst du alle wieder mitnehmen! Ich habe doch extra gesagt: RUND, nicht kiefergeformt!“
Oma rechtfertigt sich: „Im Laden haben sie gesagt, ich soll unbedingt die kiefergeformten Schnuller nehmen, sonst kriegt das Kind später eine Zahnspange!“
So ein Humbug! Was interessiert mich heute, was in 12 oder 13 Jahren ist! JETZT muss dieses Kind schlafen und ich auch! Der rosa Schnuller sieht inzwischen etwas unappetitlich aus. Verzweifelt, mit schlechtem Gewissen, stecke ich ihn in den Babymund und das Kind schläft augenblicklich ein.
Am nächsten Tag rufe ich im Kreiskrankenhaus an.
„Hallo, erinnern Sie sich noch an uns? Sie haben dem Kind damals einen runden Schnuller mitgegeben, keinen kiefergeformten. Können Sie mir vielleicht sagen, woher Sie diese Schnuller beziehen. Ich brauche dringend Nachschub. Geben Sie mir doch bitte die Adresse ihres Lieferanten.“
„Ach, Abgabe nur an Großkunden! Das ist ganz schlecht!“
Ich schildere meine verzweifelte Lage. Die Kinderkrankenschwester hat Verständnis. Sie bietet mir an, der Station einen Besuch abzustatten, natürlich mit Baby, man freue sich immer ehemalige kleine Patienten wiederzusehen, und dann bekäme ich, so unter der Hand, zwei neue Schnuller.
Nach einer Spende für die Kaffeekasse trete am nächsten Tag, im Besitz von zwei rosa Schnullern, den Weg vom Krankenhaus nach Hause an. Das Problem ist zwar nicht gelöst, aber ein Aufschub ist auch etwas wert. Der Schnuller Nummer 1 fliegt in den Müll. Das Zeitpolster von zwei Schnullern muss genutzt werden, um eine neue Bezugsquelle aufzumachen, denn auch die beiden „Neuen“ werden irgendwann den Weg alles Irdischen gehen. Eine Freundin gibt mir den Tipp, mal bei einem guten Fachgeschäft nachzufragen.

„Hallo, führen Sie runde Schnuller in ihrem Sortiment, keine kiefergeformten?“
„Ach, Sie meinen kirschförmige Beruhigungssauger! Selbstverständlich führen wir die!“
Mir fällt ein Stein vom Herzen! Voller Zuversicht mache ich mich auf den Weg zu dem Fachgeschäft und kaufe den kirschförmigen Beruhigungssauger. Aber erst mal nur einen, denn das Teil ist riesengroß und bleischwer.
Der Schnuller wird akzeptiert, rutscht aber aufgrund des enormen Gewichts nach einigen Minuten aus dem Babymund. Das Geschrei ist groß!
Ich rufe beim Großhändler an, dessen Telefonnummer ich im Krankenhaus erfahren habe.
„Ach, Abgabe nur an Krankenhäuser und Apotheken ab 50 Stück. Danke für die Auskunft, Auf Wiederhören!“
Ich kontaktiere die Apotheke meines Vertrauens und wir einigen uns auf eine Bestellung. Wenn der Apotheker sie nicht los wird, nehme ich alle 50.

Anita K-M Offline

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18.06.2014 17:42
#7 RE: Die Seniorenzeitung Zitat · antworten

Das waren noch Zeiten!

Heute war ich zum Einkaufen in der Stadt. Tüten und Taschen stehen nun auf dem Küchentisch und ich beginne mit dem Auspacken. Wie immer hat man mir in den meisten Läden Flyer, kleine Tütchen und winzige Tuben zum Probieren mit eingepackt. Nachdem ich meine Einkäufe verstaut habe, sehe ich mir das Sammelsurium von Werbegeschenken genauer an.

Ach, das waren noch Zeiten, als ich in der Parfümerie ein klitzekleines Fläschchen des neusten Duftes geschenkt bekam, im Reformhaus die Broschüre „Schönheitstipps aus der Natur“, in der Apotheke Gummibärchen für die lieben Kleinen und selbstverständlich das neue Tierposter.
Und was liegt heute vor mir auf dem Küchentisch?
Antifaltencreme, Informationen über Ernährung im Alter, eine Probiertube Venencreme, ein winzig kleiner Tiegel, dessen Inhalt angeblich den Kampf gegen Altersflecken gewinnt, und der Seniorenratgeber.

Es grenzt nahezu an ein Wunder, dass ich nicht in eine Altersdepression verfalle. Was mache ich nur mit dem ganzen Kram?
Ich nehme die Tüte, die ich in der Apotheke bekommen habe und deren Aufdruck die Vorteile eines neuen Blutdruckmessgerätes anpreist, und schiebe den Krempel mit einer schwungvollen Handbewegung hinein.
Das alles schenke ich meiner Mutter, die ist 86. Die freut sich!

Anita K-M Offline

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11.09.2014 22:37
#8 RE: Die Seniorenzeitung Zitat · antworten

Fernsehen bei Herrn Schönseh

Hertha wohnte in unserer Straße und war zwei Jahre älter als ich. Ihre Eltern hatten ein möbliertes Zimmer untervermietet und dort wohnte Herr Schönseh. Herr Schönseh besaß einen Fernseher, was damals in unserer Straße eine Seltenheit war.
Wir Kinder, Hertha, Kurtchen, mein Bruder und ich durften dort am Samstagnachmittag „Lassie“ schauen. Herthas Mutter hatte das mit ihrem Untermieter so vereinbart und dachte, sie würde uns Kindern damit eine Freunde bereiten.
Ehe wir das Zimmer betraten mussten wir die Schuhe ausziehen, egal, ob sie dreckig waren oder nicht. Herr Schönseh wollte das so. Auf Zehenspitzen schlichen wir in den düsteren Raum. Kaum ein Sonnenstrahl drang durch die dichten Gardinen und dunklen Vorhängen. Wir setzten uns mucksmäuschenstill auf den Boden vor den Schwarz-Weiß-Fernseher, der auf einer Kommode stand. In dem Zimmer befanden sich außerdem ein Bett, ein Waschtisch, ein Kleiderschrank, ein Tisch mit zwei Stühlen und ein großer Sessel.
In dem Sessel saß der Untermieter, schaute mit uns fern und sprach kein Wort. Er war ein feiner älterer Herr, trug immer einen Anzug mit Weste, ein weißes Hemd, eine Krawatte und in seinen blankpolierten schwarzen Schuhen konnte man sich spiegeln.
Hier fernzusehen, unter den Augen des unnahbaren, abweisend wirkenden Mannes, machte keinen Spaß. Stocksteif, ohne ein Wort zu reden, geschweige denn zu lachen, brachten wir die aufregenden Abenteuer des klugen Collies und seines Freundes Jeff hinter uns. War der Film zu Ende erhoben wir uns, sagten leise: „Auf Wiedersehen“, und verließen die triste Stube. Herr Schönseh nickte.
Als ich zu Hause nachfragte, warum der unheimliche Mann immer so fein angezogen war, sagte meine Mutter, er müsse sich so kleiden, er sei ja schließlich Vertreter. Ich kannte nur den Vertreter unseres Hausarztes und den Lehrer Becker, der die Vertretung für den Rektor übernahm, wenn der krank war und die trugen nicht so vornehme Anzüge wie Herr Schönseh. Ich dachte daher, dieser alte Mann müsste wohl ein sehr wichtiger und besonderer Vertreter sein. Ich konnte aber nicht verstehen, dass jemand, der so eine bedeutende Arbeit machte, nur ein einziges Zimmer bewohnte und keine richtige Wohnung, so wie wir. Er hatte auch keine Kinder, die, wie meine Mutter immer behauptete, so viel Geld kosteten.
Wir bekamen ein eigenes Fernsehgerät und die gruselige Fernsehstunde bei Herrn Schönseh hatte ein Ende. Wir freuten uns sehr auf das abwechslungsreiche Programm, was erst vor kurzem von drei auf fünf Stunden täglich aufgestockt worden war.
Mein Vater saß sonntags nicht mehr vorm Radio und hörte sich die Reportagen aus den Fußballstadien an, sondern guckte „Die Sportschau“ und jeden Abend um 20.00 Uhr die „Tagesschau“ und unsere Mutter freute sich einmal die Woche auf „Die Firma Hesselbach“. Wir Kinder schauten samstags „Lassie“ und sonntags „Fury“. So machte das Erste Deutsche Fernsehen, die ARD, eine ganze Familie glücklich.

Eines morgens las meine Mutter die Familienanzeigen im Trierischen Volksfreund.
„Oh, Herr Schönsee ist gestorben. Der war gar nicht alt, gerade mal 62.“
Ich konnte es kaum glauben, Herr Schönseh, nicht alt?
„Ich dachte immer, Herr Schönseh wäre 90 Jahre alt oder mindestens über 80?“
Mein Vater blickte mich ernst an. „Herr Schönseh hat vermutlich zwei Kriege mitgemacht und das, was er da erfahren und gesehen hat reicht für zwei Leben, deshalb war er tatsächlich schon um die 80 oder 90 Jahre. Ich habe, Gott sei Dank, nur einen erlebt und das war schon schlimm genug.“

Mein Vater wusste wovon er sprach. Ihm hatte man zehn Jahre seines Lebens gestohlen. Nachdem er vier Jahre als Soldat fürs Vaterland gekämpft hatte, verbrachte er sechs Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft und durfte erst 1949 nach Hause.

Anita K-M Offline

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10.12.2014 21:29
#9 RE: Die Seniorenzeitung Zitat · antworten

Die Quoten-Weckfrau

Weihnachtlich glänzet der Supermarkt, lange Schlangen an den Kassen, süßer die Euros, die klingeln, oder zahlen Sie mit Karte? Bitte PIN eingeben.

Ich schiebe den vollbeladenen Einkaufswagen zum Ausgang, noch ein Zwischenstopp beim Back-Shop. Wieder reihe ich mich in die Schlange der Wartenden ein. Brote, Brötchen, Weihnachtsgebäck, kleine Schokoladentorten, verziert mit Engelchen, und Weckmänner wechseln den Besitzer. Endlich komme auch ich an die Reihe und kann meine Wünsche äußern.

„Ein Walnuss-Brot und zwei Weckmänner, bitte.“
„Weckmänner sind im Angebot, drei zu 2,99€, zwei kosten 2,40€“, erklärt die Verkäuferin.
In der Theke, hinter der Glasscheibe, aufgereiht, dicht an dicht, liegen Weckmänner in Hosen und Weckfrauen in Röcken, daneben ein Schild. „ANGEBOT - Weckmänner/Weckfrauen“
„Dann nehme ich drei.“
Mit der Gebäckzange schnappt die Verkäuferin den ersten, den zweiten und den dritten Weckmann und steckt sie nacheinander in eine braune Tüte.
„Halt!“, rufe ich, „und wo bleiben die Weckfrauen?“
„Äh!“ Die Verkäuferin hält inne. „Ja, da weiß ich jetzt gar nicht, ob wir noch Weckfrauen haben?“
„Doch, doch“, sagt die Kundin neben mir und zeigt auf eine lange Reihe Weckfrauen in weiten Röcken, die neben den schmächtigen Weckmännern liegen.
„Da sind noch welche.“
„Mmh“, ich nicke bestimmt. „Ich bestehe auf mindestens eine Weckfrau.“
Die Kundin pflichtet mir bei. „Wenn schon, denn schon.“
Achselzuckend angelt die Verkäuferin mit ihrer Gebäckzange einen Weckmann aus der Tüte und tauscht ihn gegen eine üppige Weckfrau.
Ich zahle meinen Einkauf, lächle die Verkäuferin an.
„Wissen Sie, es geht heutzutage auch bei den Weckmännern nicht ohne Quotenfrau.“



Ein junger Mann aus Nordhessen las meine Geschichte und war etwas ratlos, weil ihm der Begriff „Weckmann“ nicht geläufig war. Ich erklärte ihm, dass es sich bei einem Weckmann um ein Gebäckstück aus süßem Hefeteig handelt, dass in machen Gegenden auch Stutenkerl genannt wird.
„Stutenkerl?“, meinte er überrascht. „Den nennt man bei uns 'Hengst'.“

Anita K-M Offline

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28.03.2015 16:07
#10 RE: Die Seniorenzeitung Zitat · antworten

Damals im Büro

Ja, ja, die lieben Kollegen, viel Lebenszeit verbringt man mit ihnen, fünf Tage die Woche, acht Stunden täglich.
An manche erinnert man sich später gerne zurück. Da war doch der Dicke aus der Buchhaltung, immer gut gelaunt, hilfsbereit und freundlich. Wie hieß er denn noch? Mmh, fällt mir nicht mehr ein. Und die aufgetakelte Tussi aus der Telefonzentrale, sie war manchmal anstrengend, aber als ich im Krankenhaus lag, hat sie mich dort besucht.
Nicht zu vergessen der Fiesling aus der vierten Etage. Er war immer auf seinen Vorteil bedacht, dieser liebe Kollege. Wie oft hatte ich mir schon in Gedanken zurecht gelegt, dass ich ihn mal so richtig fertig machen würde. Wenn er mir zufällig auf dem Flur begegnete, eingehüllt in eine Wolke billigen Rasierwassers, spürte ich, wie sich meine Zehen verkrampften und meine Hände sich zu Fäusten ballten. Betont lässig schlurfte er den Gang entlang und grüßte mit einem neckischen: „Hallöchen!“ Trotz seines mit Haargel modellierten schütteren Haupthaars hielt er sich für unwiderstehlich. Peinlich, wie er immer wieder versuchte die jungen Praktikantinnen anzubaggern. Mit seinen etwas zur Fülle neigenden Hüften schob er sich zum Kaffeeautomaten, um den Mädels ein „Käffchen“ zu spendieren. Dann erzählte er seine blöden Witze, die jeder von uns schon kannte, schlug sich auf die dicken Schenkel und amüsierte sich köstlich. Seine Stimme war ein Alptraum, blechern, misstönend und meist zu laut. Er gab immer seine Kommentare ab, wusste über alles Bescheid und hatte von nichts eine Ahnung.

Aber ich will nicht NUR Negatives über ihn berichten. Es gab auch Dinge, die er wirklich gut beherrschte, in denen war er einfach brillant. Er konnte sich zum Beispiel fantastisch bei seinen Vorgesetzten einschleimen und im Zigarettenschnorren war er unschlagbar. Ja, auch so eine intrigante Pfeife hat ihre Qualitäten.
Dann verließ er uns, was niemand bedauerte. Er wurde in eine Filiale in einer andere Stadt versetzt.
Kaum einer vermisste ihn. Die meisten waren froh, ihm nicht mehr zu begegnen. Ich auch, und doch ist er mir für immer im Gedächtnis geblieben, dieser Fiesling!

Anita K-M Offline

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20.06.2015 16:08
#11 RE: Die Seniorenzeitung Zitat · antworten

Eine lange Nacht

Nun lag sie schon seit Stunden im Bett und wartete auf ihn, wie so oft in letzter Zeit. Erst hatte sie das Buch zur Hand genommen, das griffbereit auf dem Nachttisch lag und ein paar Seiten gelesen. Nach einigen Minuten merkte sie, dass die Buchstaben, die sich Zeile für Zeile aneinander reihten, von ihren grauen Zellen nicht erfasst wurden. Am Ende der Seite wusste sie nicht mehr, was am Anfang geschrieben stand. Müde klappte sie das Buch zu, legte es auf den Nachttisch und löschte das Licht. Sie ertastete unter der Bettdecke ihre Füße. Brrr, die glichen Eisklumpen in Schuhgröße 39. Eine Wärmflasche wäre die Rettung.
Als sie wieder im Bett lag, und sich ihre Füße an den flauschigen wärmenden Plüschbezug schmiegten, ging es ihr besser. Hätte sie sich doch nur, als sie in der Küche war, ein Glas heiße Milch mit Honig zubereitet. Manche Leute behaupteten, dass wäre hilfreich, aber jetzt nochmal aufstehen …? Nee! Sie wickelte sich in ihre Bettdecke, ängstlich darauf bedacht, die Wärme des heißen Wassers in der Gummiflasche mit dem himmelblauen Bezug, der einem wolligen Schaf ähnelte, zu speichern.
„Schäfchenzählen“ hatte sie vor langer Zeit aufgegeben. Sie hasste diese wollweißen Geschöpfe, die mit blöde grinsenden Gesichtern über einen Zaun sprangen und sie mit ihrem dämlichen „Mäh“ nicht zur Ruhe kommen ließen. Wenn es ganz schlimm kam, war jedes dritte Schaf hellblau gefärbt, im gleichen Farbton wie die Wärmflasche, die fast jede Nacht zum Einsatz kam. Das war dann ein Alptraum!
Sie wälzte sich von einer Seite auf die andere und dachte an früher, als alles noch anders war. Damals konnte sie sich auf ihn verlassen, er war immer pünktlich zur Stelle. Ihre Augen suchten in der Dunkelheit die Leuchtziffern des Radioweckers, der auf dem Nachttisch stand: 01:54
Irgendwann hatte er sie dann übermannt, der Schlaf, der sich in letzter Zeit immer später einstellte und deshalb ihr Feind geworden war.

Als die Musik des Radioweckers, zarte Töne, die einer Violine entsprangen, sie aus ihren Träumen riss, dachte sie, das wäre das Ende. Eine lange Nacht, gefühlte zwanzig Stunden und doch zu kurz, war vorbei. In dieser Nacht war sie, mal wieder, um Jahre gealtert. Sie schlurfte ins Badezimmer und richtete sich her, rettete, was noch zu retten war. Nachdem sie am Morgen das Haus verlassen hatte, wartete sie auf die Frage, die sie hasste, genauso wie die Radiosendung „Der fröhliche Wecker“. Den Sender, der die Menschen allmorgendlich mit diesem Schwall guter Laune attackierte, schaltete sie seit Ewigkeiten nicht mehr ein.

Wer würde heute die Frage stellen, die ihr nach solch einer Nacht den Rest gab. Nein, es war nicht der nette Pförtner, dessen Mitgefühl sie sich sicher war. Es war die aufgetakelte Blondine aus dem Sekretariat, die mit ihr den Fahrstuhl bestieg: „Guten Morgen! Na? Gut geschlafen?“
„Nein!“, antwortete sie in gereiztem Ton ein Gähnen unterdrückend.
„Mmh, man sieht's.“

Anita K-M Offline

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13.09.2015 11:37
#12 RE: Die Seniorenzeitung Zitat · antworten

Von Warteschleifen und anderen Ärgernissen

Ein Telefongespräch kostet heutzutage, egal, ob es zustande kommt oder nicht, dank Flatrate, nichts. Aber man braucht unter Umständen viel Zeit, jede Menge Geduld und Nerven wie Drahtseile, um ein Telefonat erfolgreich zu Ende zubringen. Null Komma nix taucht man in ein neues Universum ein, genannt „die Warteschleife“. Die Warteschleife erweitert das Bewusstsein, trainiert kognitive Fähigkeiten und der Geist geht auf die Reise in die tiefsten Abgründe der menschlichen Seele.

Es fängt ganz harmlos an. „Herzlich willkommen! Schön, dass Sie uns anrufen. Leider sind alle unsere Mitarbeiter in einem Kundengespräch“, verkündet der Herr am anderen Ende der Leitung mit sanfter Stimme. „Wir sind gleich persönlich für Sie da. Bitte warten.“ Ein kleines Liedchen soll mir die Wartezeit versüßen. „Wir werden Sie mit dem nächsten freien Mitarbeiter verbinden.“ So lausche ich den beruhigenden Klängen und die Zeit verrinnt.
Der Anruf bei einem Versorgungsunternehmen gestaltet sich etwas handfester. „Guten Tag! Leider sind alle unsere Berater im Gespräch. Bitte haben Sie etwas Geduld. Wir sind gleich für Sie da. Ihr Anruf ist uns wichtig, Hand drauf!“ Die Minuten verstreichen und ich höre aufmerksam zu, mit welch schwungvollem Musikstück man mich bei Laune halten will.
Der Anruf beim Arzt signalisiert, hier will man Zeit einsparen. „ … wenn sie nur einen Rezept- oder Überweisungswunsch haben, drücken Sie bitte die 1, ansonsten werden Sie gleich mit unserer Anmeldung verbunden. Bitte haben Sie einen Augenblick Geduld. Wir sind gleich für Sie da.“ Interessant, welchen Musikgeschmack der Herr Doktor hat, oder hat er diesen fetzigen Song gar nicht selbst ausgesucht? „Bitte warten, Sie werden gleich mit unserer Anmeldung verbunden.“ Ja, ich warte, denn es ist bereits mein dritter Anlauf, um einen Termin in der Sprechstunde zu vereinbaren. „Bitte warten!“ Ist ja schon gut. Mach ich!“ Dieses Liedchen ist aber auch zu blöd. Vom musikalischen Standpunkt her, ein echter Verrecker! Ich habe das Gefühl dieser unmögliche Sound bringt mein Adrenalin in Schwung. „Bitte warten!“ Knacks! Ah, jetzt tut sich was. Eine männliche Stimme verkündet kurz und knapp. „Die Verbindung wird beendet.“ Was war das denn jetzt? Hat der sie noch alle?
Etwas komplizierter ist der Anruf bei einer Versicherung. „ … möchten Sie sich über das neue Abbuchungsverfahren SEPA informieren, dann drücken Sie bitte die 1, haben Sie eine Frage zu Bausparverträgen, drücken Sie bitte die 2, haben sie eine Frage zu Lebens-, Unfall- oder Haftpflichtversicherungen, drücken Sie bitte die 3, geht es um eine Schadensmeldung oder eine Unfallaufnahme, drücken Sie bitte die 4, ansonsten verbinden wir Sie mit einem unserer Mitarbeiter.“ Musik setzt ein. Harfenklänge! – „Bitte warten! Alle Mitarbeiter sind im Gespräch. Bitte warten!“ Geduld ist jetzt gefragt. Es dauert und dauert, denn die Mitarbeiter haben alle sehr, sehr viel zu tun.

Die größte Herausforderung beim Telefonieren ist der „Sprachcomputer“. Anzutreffen, unter anderem, bei der Postbank. Nachdem ich das übliche Prozedere, drücken Sie die 1, 2, 3 oder auch nicht, hinter mich gebracht habe, fragt mich eine weibliche Stimme: „Bitte sagen Sie mir, was wir für Sie tun können.“ Ich bin überrascht, dass man sich so eingehend nach meinen Wünschen erkundigt! Was soll ich jetzt sagen? „Äh, ja, ich möchte ...“ „Ich habe Sie leider nicht verstanden“, antwortet die Frau, die gar keine ist. „Ist ja gut. Also, ich würde gerne ...“ „Ich habe Sie leider wieder nicht verstanden.“ „Dumme Pute, ich hab doch noch gar nichts gesagt.“ „Tut mir leid, ich konnte Sie nicht verstehen. Ich verbinde Sie jetzt mit einem unserer Mitarbeiter.“ Sanfte Musik setzt ein. Die wissen schon warum diese beruhigenden Töne durch meinen rechtsseitigen Gehörgang in mein Inneres dringen sollen. Doch statt der gewünschten entspannenden Wirkung schüttet mein Körper Adrenalin aus und setzt meine Hirntätigkeit außer Kraft. „Leider sind alle Mitarbeiter in einem Kundengespräch. Bitte warten!“ Nach dem dritten Hinweis auf die schuftenden Mitarbeiter, die sich gerade um andere Kunden bemühen, lege ich den Hörer auf und massiere mein rechtes rotes Ohr. Ich schnaufe tief durch und ringe um Selbstbeherrschung. Was mache ich jetzt? Ich schreibe denen einen Brief. Schreiben entspannt ungemein!

Jürgen Offline

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13.09.2015 18:07
#13 RE: Die Seniorenzeitung Zitat · antworten

und es ist so zutreffend. Klasse geschrieben

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Nach Ebbe folgt immer eine Flut

Klaus-Dieter Welker Offline

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13.09.2015 19:54
#14 RE: Die Seniorenzeitung Zitat · antworten

Schön geschrieben - gefällt mir sehr gut.

Anita K-M Offline

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14.09.2015 12:50
#15 RE: Die Seniorenzeitung Zitat · antworten

Danke!

Anita K-M Offline

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23.12.2015 17:34
#16 RE: Die Seniorenzeitung Zitat · antworten

Eisblumen

Es war noch früh, als ich erwachte. Ich krabbelte unter dem dicken, schweren Federbett hervor, stieg auf den Stuhl, der vor dem kleinen Fenster in der Mansarde stand, die unser Kinderzimmer war. Es war bitterkalt und ich wollte mir die Eisblumen anschauen, die über Nacht an den Fensterscheiben gewachsen waren.
Die Winter waren damals kalt. Das Dachgeschoss, in dem wir Kinder schliefen, war nicht isoliert. Die Fenster hatten nur einfache Scheiben, mit Kitt in die alten Holzrahmen eingefasst. Auf der Fensterbank lag eine gerollte Decke, die verhindern sollte, dass Zugluft in den Raum gelangte.
Würde heutzutage im Winter ein Kind die Nächte unter diesen Bedingungen verbringen, stände mit Sicherheit das Jugendamt vor der Tür.
So hockte ich in meinem warmen, molligen Flanellnachthemd, innen angeraut, die Füße steckten in gehäkelten Bettschuhen, auf dem Stuhl und bestaunte die zarten Gebilde an den Fensterscheiben. Wenn es besonders kalt war, wuchsen die Eiskristalle über die ganzen Scheiben. Jeden Morgen sahen die Gebilde, die der Frost über Nacht gemalt hatte, anders aus. Einmal waren es zarte Gräser, ein anderes Mal zackige Blütenkränze oder gefiederte Farne.
Der kleine gusseiserne Ofen, der in unserem Schlafzimmer stand, wurde nur angeheizt, wenn über einen längeren Zeitraum zweistellige Minusgrade herrschten, damit sich der Frost nicht in die Mauern fraß.
Unten im Haus hörte ich meine Mutter hantieren. Sie hatte den Herd angeheizt, war dabei das Frühstück vorzubereiten und in der Küche war es sicher schon wohlig warm.
Ich hauchte ein Loch in die Eisblumen und blickte nach draußen. Da wusste ich, es würde ein guter Tag werden, denn auf den Dächern lag der erste Schnee. Über Nacht hatte es geschneit und bei diesen eisigen Temperaturen würde der Schnee liegen bleiben. Es waren Schulferien und der kommende Tag würde ausgefüllt sein mit Schneemann bauen, Schlitten fahren und Schneeballschlachten. Ich kroch noch einmal unter das dicke Federbett, um mich aufzuwärmen. Nach einer Weile blickte ich zum Fenster. Die Eiskristalle glitzerten in der zunehmenden Helligkeit bis die Sonne um die Ecke schaute und mit ihren Strahlen die Blumen langsam ableckte.

Anita K-M Offline

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23.12.2015 17:42
#17 RE: Die Seniorenzeitung Zitat · antworten

Meine Problembären

Brummel, der Bär, kam in den fünfziger Jahren in unsere Familie. Ein Nachbar, Herr Wuttke, hatte ihn auf dem Rummel an einer Schießbude erstanden. Zehn Schuss – zehn Treffer. Herr Wuttke war ein excellenter Schütze! Da das Ehepaar Wuttke kinderlos war, schenkte er uns den dicken braunen Bären. Brummel hatte ein bewegtes Leben. Etliche Male zog er mit uns um und einmal habe ich ihn aus der Mülltonne gerettet. Meine Mutter meinte, der vergammelte Bär müsse endlich weg.
Brummel hat ein freundliches Wesen, ist aber sehr ängstlich. Vermutlich hat er in seiner frühen Kindheit in der Schießbude Schaden genommen. Diese dauernde Ballerei ist auch nix für eine zarte Bärenseele. Sein Äußeres ist nicht mehr sehr ansehnlich. Er hat ein Auge verloren, das durch einen Knopf ersetzt wurde. Seither trägt er eine Sonnenbrille. Die ausgefransten Ohren wurden, mehr recht als schlecht, erneuert. Diese Schönheits-OP ist leider etwas misslungen. Eine Kappe verdeckt heute die ramponierten Ohren. Weil das Fell etwas abgeschabt ist, trägt Brummel lange Hosen, T-Shirt und Socken. Auf dem T-Shirt ist ein Leuchtturm und eine Möwe abgebildet. Brummels Traum war es ein Seebär zu werden und über die Meere zu segeln. Leider ging dieser Wunsch nie in Erfüllung und er ist ein Braunbär geblieben.

Sein bester Freund Bärli kam vor über fünfzig Jahren als Weihnachtsgeschenk zu uns. Bärlis graues, seidiges Fell ist inzwischen fadenscheinig und verschlissen. Als vor Jahren die Holzwolle aus den Pfoten quoll, wurde erfolgreich eine Felltransplantation durchgeführt. Zum Schutz vor weiterer Abnutzung und gegen die Kälte trägt Bärli einen blauen Strickanzug. Seine Ohren hat er vor langer Zeit eingebüßt, deshalb die Pudelmütze.

Das Wort „Pudel“ lässt den dritten im Bunde, den kleinen Bruno, erschauern. Bruno war einst ein Trostpreis bei der Tombola des Hundevereins. Damals, als er verlost wurde, war sein Schicksal ungewiss. Er saß auf einem Regal in der Losbude zwischen diversem Hundespielzeug. Der Gedanke, dass er einmal in dem sabberndem Maul eines Köters, eventuell dieses Pudels enden würde, der mit seinem Frauchen hechelnd und kläffend die Losbude umkreiste, verfolgte ihn lange in seinen Träumen. Bruno ist froh eine Familie gefunden zu haben, die ihn beschützt und behütet. So hat der kleine Bruno, mit Hilfe seiner großen Freunde, sein Trauma überwunden und sich doch noch zu einem glücklichen Bären entwickelt. Hergestellt wurde er im Saarland, trägt aber Lederhosen und Trachtenhut, wie unser vierter Bär, der Sepp. Warum die Saarländer dem Bruno dieses bayerische Out-Fit verpasst haben, wissen wir bis heute nicht. Doch versteh einer die Saarländer?

Der Sepp, unser vierter Bär, ist ein Migrant aus Bayern und trockener Alkoholiker. Sepp ist ein waschechter Münchner. Er war einst ein Mitbringsel vom Oktoberfest, wo er seine Jugend verbrachte, was leider nicht ohne Folgen blieb. Die weizenbier-geschwängerte Luft, die er dort rund um die Uhr inhalierte, hat ihn alkoholabhängig gemacht. Da in unserem Haus sehr selten Alkohol konsumiert wird, ist die Gefahr eines Rückfalls gering. Der Sepp ist ein fescher Bär in den besten Jahren und der gemütlichste in der Runde. Seine Lederhosen mit dem Edelweiß an den Hosenträgern, das karierte Hemd und der Trachtenhut kleiden ihn ausnehmend gut.

Nächstes Jahr feiert Brummel seinen Sechzigsten. Es wird eine kleine Feier im engsten Bären-Familienkreis, mit alkoholfreiem Schampus und einem Topf Honig. Brummel, Bärli, Bruno und Sepp lieben Honig!

Klaus-Dieter Welker Offline

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23.12.2015 18:22
#18 RE: Die Seniorenzeitung Zitat · antworten

Zwei wirklich schöne Erzählungen. Nur dass sie dir die Socken an die Füße gehäkelt haben - das finde ich beinahe schon merkwürdig :-). Ich hoffe, sie sind nicht ebenso zerfleddert wie deine Bären.

Anita K-M Offline

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Beiträge: 1.803

23.12.2015 22:42
#19 RE: Die Seniorenzeitung Zitat · antworten

Tja, damals war man nicht zimperlich!

Ich habe die Socken jetzt abgetrennt und die Füße hineingesteckt.

Petrusautor Offline

Admin


Beiträge: 9.490

27.12.2015 13:24
#20 RE: Die Seniorenzeitung Zitat · antworten

Bewundernswert, wie dir die Einzelheiten der Eisblumen in Erinnerung geblieben sind, Anita. Erst durch deine Geschichte haben sie bei mir wieder den Weg aus den tiefsten Tiefen der Erinnerungsschubladen gefunden. Stimmt, du hast recht. So sahen sie aus. Und so war es. Weil die Schlafzimmer immer nur wenig geheizt wurden, waren die Federbetten so dick, dass man darin verloren gehen konnte. Ich glaube, wir haben da einen Schatz an Erinnerungen, die den Kids von heute und morgen niemals zuteil werden, und sie nur aus unseren Geschichten noch erfahren werden, wie es damals war, als wir Kinder waren.

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Allen eine Handbreit Sonne zwischen den Wolken.
Petrusautor Claus

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