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Faszination Wasser
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Leider habe ich keinen Einfluss auf die am rechten Bildrand eingeblendete Google-Werbung.
Ich weise aber aus gegebenem Anlass darauf hin, dass jeder Interessent sich vorab im Netz über
Druckkosten-Zuschuss-Verlage (DKZV) informieren sollte, die lediglich darauf abzielen, für viel Geld
die Träume mancher Jungautoren zu verwirklichen. Sie haben mit "echten" Verlagen nichts zu tun.


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Dieses Thema hat 37 Antworten
und wurde 1.666 mal aufgerufen
 Koschorrek-Müller, Anita
Seiten 1 | 2
Anita K-M Offline

Forengott / Forengöttin


Beiträge: 1.805

31.03.2016 16:59
#21 RE: Die Seniorenzeitung Zitat · antworten

Was bleibt ...

Im Frühjahr 1942 bekam meine Mutter zur Konfirmation ein Poesiealbum geschenkt.
Das in dunkelbraunem Leder gebundene Büchlein wirkt schlicht. Die Vorderseite ziert eine graue, metallene Girlande. Die Ecken sind abgestoßen. Wenn man es aufschlägt, fällt der Blick auf die goldglänzende Innenseite. Der ehemalige Verschluss ist nur noch zur Hälfte vorhanden. Vermutlich gab es mal einen winzigen Schlüssel, um das kleine Buch zu verschließen und vor Neugierigen zu schützen. Trotz der Abnutzungsspuren wirkt es solide. Es stammt aus einer Zeit in der Kunststoff noch nicht Einzug in unseren Alltag gefunden hatte.
Auf den ersten Seiten hat meine Mutter rechts oben, fein säuberlich mit Bleistift in Sütterlinschrift, die Namen von Klassenkameradinnen eingetragen, die noch ihre Verse zu Papier bringen sollten, aber es, aus welchen Gründen auch immer, nicht getan haben. Nur wenige Seiten sind beschrieben. Einige ihrer Mitschülerinnen haben sich hier verewigt, mit kleinen Gedichten und guten Wünschen, zur Erinnerung, zum steten Andenken. Ob sie noch leben, die Luise, die Hildegard, die Frieda, die Anneliese und die anderen, deren Gedichte im Mutters Poesiealbum nachzulesen sind?
Wenn es erzählen könnte, dieses Büchlein, es wüsste vom Krieg zu berichten. Kein Glanzbildchen, so wie es später in besseren Zeiten in Poesiealben üblich war, ziert die vergilbten Seiten. Es herrschte Not in Deutschland. Das Leben wurde bestimmt von den Dingen, die fürs Überleben wichtig waren. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, wurde Poesie aufgeschrieben. Auffallend sind die akkuraten Handschriften der Mädels. Schönschreiben wurde den Kindern damals eingebläut, und „Schrift“ war ein benotetes Schulfach. In den Klassenzimmern herrschte Zucht und Ordnung. Die jungen Mädchen standen damals kurz vor ihrer Entlassung aus der Volksschule in eine ungewisse Zukunft, mitten in den Wirren des Krieges.
Meine Mutter kann sich noch an alle Klassenkameradinnen erinnern, die damals im Frühjahr 1942 mit ihr die Schulbank gedrückt haben. Doch die meisten Menschen, die ihr in den letzten Jahrzehnten begegnet sind, hat sie vergessen. In ihrem Gedächtnis gibt es, wie in diesem alten Poesiealbum, viele leere Seiten.
Erinnerung verblasst und vieles geht verloren. Nur die Poesie, die bleibt, auch wenn sie nicht immer ins Zeitgeschehen passt.

Aus Liebe!
Deutsches Herz verzage nicht,
tu was dein Gewissen spricht
dieser Strahl des Himmelslicht
tue recht und fürchte nichts.
Zur Erinnerung von deiner Mitschülerin Lina F.

(gefunden in Mutters Poesiealbum)

Klaus-Dieter Welker Offline

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Beiträge: 2.003

31.03.2016 19:10
#22 RE: Die Seniorenzeitung Zitat · antworten

Schön geschrieben - aber du hattest es schon mal hier, oder?

Anita K-M Offline

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Beiträge: 1.805

31.03.2016 19:59
#23 RE: Die Seniorenzeitung Zitat · antworten



Danke K-D, ich hatte den Text schon mal im Workshop vorgestellt.
Jetzt wurde er in der Seniorenzeitung der Verbandsgemeinde Trier-Land "Erfahrungsschatz" veröffentlicht.

Klaus-Dieter Welker Offline

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Beiträge: 2.003

31.03.2016 20:07
#24 RE: Die Seniorenzeitung Zitat · antworten

Das freut mich - meine Nachfrage war nicht böse gemeint :-). Es war mein persönlicher Alzheimer-Test.

Anita K-M Offline

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Beiträge: 1.805

31.03.2016 21:26
#25 RE: Die Seniorenzeitung Zitat · antworten

Zitat von Klaus-Dieter Welker im Beitrag #24
meine Nachfrage war nicht böse gemeint :-). Es war mein persönlicher Alzheimer-Test.


Das weiß ich doch. Du hast mein vollstes Verständnis!

Anita K-M Offline

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Beiträge: 1.805

14.06.2016 18:33
#26 RE: Die Seniorenzeitung Zitat · antworten

Hochsommer

Flirrende Hitze liegt über dem Land. Die Medien füllen das Sommerloch mit mehr oder weniger dramatischen Meldungen zu den tropischen Temperaturen: „Drei Hitzetote in Osteuropa – Wegen der Hitze Geschwindigkeitsbegrenzung auf deutschen Autobahnen – Niedrigwasser auf dem Rhein – Schifffahrt eingestellt“ In der Tageszeitung liest man über die Gefahren der Dehydrierung. Wissenschaftler debattieren über den Grund der Hitzewelle. Ist das Ozonloch dran schuld? Oder die Abholzung der Regenwälder?
In den Getränkemärkten stehen die Kunden Schlange, um sich mit Flüssigem jeglicher Art zu versorgen. Kistenweise werden Getränke in vollklimatisierte Autos geschleppt und nach Hause transportiert, um der Dehydrierung vorzubeugen.

Waren die Sommer früher nicht auch immer sehr heiß? Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie oft wir als Kinder hitzefrei hatten. In unserem Keller wurden, weil wir keinen Kühlschrank besaßen, die Getränke aufbewahrt. Trotz extremer Sommerhitze waren dort nur ein Kiste Bier, eine Flasche Sekt und drei Flaschen Wein zu finden. Das Bier, braune Bügelflaschen in einer Holzkiste, war für den Vater bestimmt. Der Sekt war noch vom letzten Geburtstag übriggeblieben und der Wein war ein Geschenk von Vaters Firma zum Betriebsjubiläum. Wie konnte man nur zur damaligen Zeit den Gefahren der Dehydrierung entgehen, die brütende Hitze überstehen ohne zu vertrocknen? Wir Kinder hatten es da einfach. Wir tranken das Wasser direkt aus dem Hahn, um dieser Gefahr entgegenzuwirken. Außerdem stand da noch im Küchenschrank die Flasche mit dem Himbeersirup. Man goss etwa einen Zentimeter hoch Sirup in ein Glas und füllte das Ganze mit Wasser auf. Schon war ein wohlschmeckendes, köstliches Getränk zubereitet. Wenn man unbeobachtet war, konnten aus dem Zentimeter auch mal zwei oder drei werden. Doch niemand interessierte sich für den gesteigerten Zuckerkonsum, und die damit erhöhte Kalorienzufuhr, denn wir Kinder waren sowieso alle zu dünn. Nicht zu vergessen, wenn es um sommerliche Erfrischungen ging, waren die bunten, kleinen Tüten auf denen ein blau gekleideter lachender Matrose abgebildet war. Brause! Brausepulver gab es in vier Geschmacksrichtungen, Zitrone, Orange, Waldmeister und Himbeere. Es kostete nur ein paar Pfennige, und wenn man das Pulver in einem Glas Wasser aufzischte, hatte man ein leckeres sprudelndes Getränk. Doch wir Kinder schütteten das Pulver lieber in die Handfläche und leckten die Brause auf. Das kitzelte auf der Zunge. Man konnte auch in die Handfläche spucken und erlebte dann dort den Brause-Vulkanausbruch. Die Mutigsten schütteten ein ganzes Tütchen in den Mund, um tapfer der Brauseexplosion standzuhalten, die die chemische Reaktion in der feuchten Mundhöhle auslöste. Das war der Kick! Manchmal hatten wir abends Bauchweh und keinen Appetit. Einmal die Zunge zeigen und unsere Mutter wusste Bescheid. Wenn die Zunge in rot, orange, gelb oder grün leuchtete, war dies auf erhöhten Brausekonsum zurückzuführen. Wir mussten dann viel Wasser trinken, damit sich das Brausepulver im Bauch verdünnen sollte und nicht wegen drohender Dehydrierung.


Während meiner Recherche, über das beliebte Brausepulver aus meiner Kindheit, stieß ich auf eine, mir bisher nicht bekannte Variante, wie Brausepulver den sogenannten „Kick“ verschaffen kann.
https://de.wikipedia.org/wiki/Ahoj
Ein bekannter Shot ist der Wodka Ahoj: Das Brausepulver wird in den Mund gestreut und ein Glas Wodka hinterhergegossen. Durch heftiges Schütteln des Kopfes werden Pulver und Wodka in der Mundhöhle vor dem Schlucken vermischt.

Klaus-Dieter Welker Offline

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Beiträge: 2.003

15.06.2016 07:23
#27 RE: Die Seniorenzeitung Zitat · antworten

Das Brausepulver kenne ich auch noch, aber meist hatten wir kein Geld, um uns dieses zu kaufen. Um Dehydrierung machten wir uns auch keine Gedanken. Draußen tranken wir aus Bächen - das würde heute wohl kaum einer mehr machen. Keiner von uns schleppte eine Flasche zum Trinken mit. Auch nicht bei unseren "Tippelfahrten" mit der Pfadfindersippe. Erst recht nicht Wasservorräte zum Kochen. Das Lager wurde immer in der Nähe eines Baches aufgeschlagen.
Ein altes "Limonadenrezept" von damals war eine Mixtur aus Essig, Zucker, Natron und Wasser. Meist mangelte es jedoch an drei Zutaten :-).
Eine schöne Erinnerung, Anita. Und schön geschrieben.
Brause mit Wodka: Nee, das habe ich niemals probiert. Wir standen bei den Winterlagern auf Grog. Rum ins Maul und heißes Wasser hinterher. Wobei das Wasser ruhig weggelassen werden kann :-).

Anita K-M Offline

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Beiträge: 1.805

15.10.2016 09:49
#28 RE: Die Seniorenzeitung Zitat · antworten

Herbstwind

Fassungslos blickte ich in den blauen Himmel und sah wie mein schöner neuer Drachen immer kleiner wurde und schließlich verschwand. Der Wind hatte ihn auf eine Reise ins Ungewisse mitgenommen. Meine Augen füllten sich mit Tränen.

Am Tag zuvor hatten der Vater, mein Bruder und ich am großen Küchentisch zusammen gesessen und Drachen gebaut. Unser Vater hatte die Holzleisten besorgt und zurecht gesägt. Das Drachenpapier mussten wir Kinder im Schreibwarenladen an der Ecke kaufen. Bindfaden hatten wir im Haus. Gemeinsam wurde geleimt, geschnippelt und geklebt. Der Drachen meines Bruders war gelb mit einem roten lachenden Gesicht. Meiner war blau und grinste in den Farben gelb, rot und grün. Es war mein erster (fast) selbstgebauter Drachen!
Nach der Bastelei wurde die Küche pic(c)obello aufgeräumt. Darauf bestand unsere Mutter.
Mein Vater und mein großer Bruder erklärten mir noch wortreich, worauf ich morgen zu achten hätte, denn dann wollten wir die Drachen steigen lassen
Ich konnte vor Aufregung nicht einschlafen und blickte immer wieder an die Wand gegenüber von meinem Bett, an der, im Schein der Straßenlaterne, mein Drachen hing. Er lachte mich an, mit seinen gelben Augen, der grünen Nase und dem roten Mund. Als Schwanz hatte ich acht bunte Papierschleifen angeknüpft. Er war der schönste Drachen der Welt!

Am Sonntagmorgen ging es los! Die Sonne lachte vom Himmel und eine stürmische Brise hatte die dunklen Wolken, die gestern noch schwer über dem Trierer Land hingen, hinweggepustet. Wir fuhren zu einer großen Wiese am Moselufer. Mein Vater nahm meinen Drachen in die Hand und ich rollte die Schnur aus. Ach, was bekam ich alles zu hören. Pass auf dieses auf, denk an jenes, und wenn er dann steigt, lass Schnur ab, aber langsam. Mit dem kurzen Stock, auf dem die Schnur aufgewickelt war, in der Hand rannte ich ein paar Meter vor. Schon hatte der heftige Wind meinen Drachen erfasst und trug ihn unaufhaltsam in die Höhe. Der Drachen meines Bruders tanzte mittlerweile auch am strahlend blauen Himmel.
„Halt gut fest“, ermahnte mich der Vater immer wieder und ich hielt fest. Mit verkrampften Händen stand ich da, stemmte die Füße ins weiche Gras und blickte in den Himmel. Ich war glücklich!
Doch plötzlich ließ der Druck nach und ich fiel um. Was war geschehen? Der Herbstwind hatte an meinem Drachen gerüttelt und die Schnur war gerissen.
Der schönste Drachen der Welt verschwand auf Nimmerwiedersehen. Ich war untröstlich und weinte bitterlich. Auch die Versprechungen, wir würden nächste Woche nochmal einen neuen Drachen basteln, noch schöner und größer, konnten mich nicht aufmuntern. Traurig stand ich da und schaute meinem Bruder zu, dessen gelber Drachen am Himmel tanzte.
Irgendwann hatte ich den Verlust dann doch verschmerzt, aber nie mehr einen Drachen selbst gebastelt.
Heutzutage ist das Angebot an Drachen aus den verschiedensten Materialien, Bastelanleitungen und sämtlichem Zubehör riesengroß. Aber die Kreativität bleibt dadurch auf der Strecke.

Klaus-Dieter Welker Offline

Forengott / Forengöttin

Beiträge: 2.003

15.10.2016 11:35
#29 RE: Die Seniorenzeitung Zitat · antworten

Moin - eine schöne Geschichte. Wir selber haben damals auch Drachen gebastelt und richtiggehende Wettbewerbe ausgetragen. Und noch heute weiß ich, dass ein gut ausbalancierter Drachen das Querholz genau im oberen Drittel haben sollte und dessen Länge nach Möglichkeit ebenso lang sein sollte, wie das Mittelholz. Und der "Schwanz" des Drachens zumindest die 6-fache Länge des Drachens selber haben sollte :-).
Den Schluss würde ich lassen - der Hinweis auf die fehlende Kreativität nimmt den "Geschichtscharakter" ein wenig. Vielleicht solltest du es wieder ein mal selber versuchen, einen Drachen zu basteln. Alleine - oder mit Gören aus deinem Dunstkreis :-).

Jürgen Offline

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Beiträge: 2.002

16.10.2016 10:46
#30 RE: Die Seniorenzeitung Zitat · antworten

Eine sehr gute Geschichte. Jeder wird sich daran erinnern, wie das Fluggerät mit viel Liebe und Geduld gebaut wurde.
Heute gehts in einen Drachenladen und so ein Hightech Gerät für viele Euronen erworben.

*******************************
Nach Ebbe folgt immer eine Flut

Anita K-M Offline

Forengott / Forengöttin


Beiträge: 1.805

20.11.2016 16:45
#31 RE: Die Seniorenzeitung Zitat · antworten

Mein Navy und ich

Alle hatten eins und ich dachte, wenn ich so alleine mit dem Auto durch die Lande fahre, wäre es eine sinnvolle Anschaffung.
Ich fragte im Bekanntenkreis nach, welches Gerät denn empfehlenswert sei und meinem technischen Verständnis gerecht wäre. Bald fragte ich nicht mehr, denn die Antworten waren sehr verwirrend und endeten alle in der Bemerkung: „Wie? Du hast noch keins?“
Also beschränkte ich mich auf die Empfehlungen der Stiftung Warentest. Leider war ich mit diesen Informationen auch überfordert, außer, dass ich erkennen konnte, welches Navigationsgerät preislich am günstigsten lag. So studierte ich regelmäßig die Angebote der Anbieter vor Ort und schlug zu.

Da lag es nun stumm und blind vor mir auf dem Küchentisch und ich las die Betriebsanleitung, um zu erfahren, wie ich dieses Gerät wohl zum Leben erwecken könnte. Viel gab der Zettel nicht her, doch er war in 23 Sprachen gedruckt, was mich sehr beeindruckte und mir gleichzeitig auf die Nerven ging. Gott sei Dank, waren die Nationalitätenkennzeichen der einzelnen Länder nach dem Alphabet geordnet und schon nach kurzer Zeit fand ich zwischen CZ für Czech Republic und DK für Denmark, unter DE – Germany, die Erläuterungen in meiner Muttersprache. In knappen Worten und unmöglichen Formulierungen, vermutliche hatte ein Amerikaner den Text aus dem Chinesischen übersetzt, wurde mir mitgeteilt, dass bei Ersatz des Akkus durch einen ungeeigneten Akkutyp Explosionsgefahr bestehe und, dass ich das Gerät an meinen PC anschließe solle. Dann würde ich schon sehen, wo es lang gehe. Gesagt getan. So irrte ich durchs Internet, stolperte über Begriffe, die ich noch nie gehört hatte, drückte Knöpfe und Tasten, bis an meinem Navy das Licht anging. Siehste, dachte ich mir, so doof bin ich doch gar nicht und wischte mir den Schweiß von der Stirn.
Das Menü, das nun auf dem Display erschien, war eine neue Herausforderung. Für Leute, die sich mit einem Navy nicht auskennen, und die gibt es, hier eine kurze Erklärung. Das Menü kann man nicht essen. Es sind die verschiedenen Abbildungen auf dem Display (Bildschirm) unter denen man wählen kann, um z.B. eine Reise, sprich Route, zu planen. Dies war auch mein Bestreben! Um die ganze Angelegenheit etwas netter zu gestalten, haben sich die Navy-Entwickler Personen ausgedacht, die die Ansagen machen. Bei meinem Navy standen in deutscher Sprache zur Wahl: Werner, Yannick und Lisa
Ich entschied mich für Lisa, denn ich lasse mir von einem Mann doch nicht sagen wo es lang geht. Meine erste Fahrt mit Lisa war ein voller Erfolg. Wir fuhren eine mir bekannte Strecke und Lisa machte alles richtig.

Zwei Wochen später trat ich eine Reise an und war mit meinem Navy, das die Straßenkarten von 19 europäischen Länder gespeichert hatte auf der sicheren Seite. Ich fuhr nach Nordhessen. Die ersten Fahrten verliefen hervorragend! Ich kannte mich aus und Lisa auch. Mein Weg führte mich schließlich auf unbekanntes Terrain und das Drama nahm seinen Lauf. Die Autobahnauffahrt, die ich laut Aussage meiner auserwählten Navystimme benutzen sollte, war wegen einer Baustelle gesperrt. Ich fuhr weiter. Lisa war ratlos und forderte mich fortwährend zum Umkehren auf. Ich tat dies auch, weil mir mein Bauchgefühl sagte, dass ich hier vollkommen falsch war. So irrte ich durch Nordhessen, bis Lisa sich neu orientiert hatte. Die Freude währte nur von kurzer Dauer, denn Lisa war mit den gelben Straßenschildern, die am Rand der Fahrbahn aufgestellt waren und durch die ich und der gesamte andere Verkehr umgeleitet wurde, total überfordert. Ich folgte der Beschilderung. Plötzlich meldete sich Werner zu Wort, obwohl ich doch im Menü bestimmt hatte, das er mir nichts zu sagen hat, und erklärte mir nachdrücklich, ich befände mich auf einer gesperrten Straße. Ich hielt an, weil Lisa nun einen Versuch startete meine Route neu zu planen. Dies jedoch missfiel Werner, weil er immer noch steif und fest behauptete, die Straße, auf der ich mich befand, sei gesperrt. In ihren Fähigkeiten, mich in die Irre zu leiten, standen sich Lisa und Werner in nichts nach.
Vollkommen entnervt hielt ich an einer Kreuzung in hessisch Sibirien, hatte Hunger und Durst und erlebte einen fantastischen Sonnenuntergang. Der brachte mir die Erleuchtung. Mein Ziel lag in westlicher Richtung. Also musste ich nur der untergehenden Sonne entgegen fahren, solange sie noch zu sehen war. Dies war meine letzte Chance vor Einbruch der Dunkelheit mein Ziel zu erreichen, um nicht elendig zu verdursten oder zu verhungern. Ich schaltete mein Navy aus und machte Lisa und Werner somit mundtot.

Müde und matt erreichte ich noch am gleichen Abend meine Unterkunft mit dem festen Vorsatz mir umgehend eine Straßenkarte oder am besten gleich einen Autoaltas anzuschaffen.

Anita K-M Offline

Forengott / Forengöttin


Beiträge: 1.805

04.04.2017 11:22
#32 RE: Die Seniorenzeitung Zitat · antworten

An der Kasse

Mein abschätzender Blick gilt den Waren in den Einkaufwagen der Kunden, die an den fünf Kassen des Supermarkts Schlange stehen. Ich entscheide mich für Kasse 2 und stelle mich hinten an. Die Kundin, die dort gerade ihre Einkäufe aufs Band legt, versucht genervt ihr quengelndes Kind bei Laune zu halten. Hinter ihr steht eine ältere Dame, in deren Wagen nur ein paar Lebensmittel liegen, gefolgt von einem Rentnerehepaar, dessen Wagen auch schwach beladen ist. Dahinter steht ein junger Mann, der ebenfalls nicht viel eingekauft hat und dann komme ich. Höchstwahrscheinlich wird es an Kasse 2 zügig vorangehen. Nix da! Bei der Mutter mit Kind scheint etwas mit der EC-Karte nicht zu stimmen. Es dauert ...
Ich betrachte die Einkäufe des jungen Mannes. Der sollte sich besser mal gesünder ernähren – Chips, ein sehr großes Glas dieser Nuss-Nougat-Creme, die die Fußballer in der Fernsehwerbung immer essen, eine Packung Toast, natürlich kein Vollkorn, und ein paar Dosen Bier. Endlich ist es der Kassiererin gelungen, das Gerät für die Kartenzahlung zu überlisten. Die Mutter hat ihre Einkäufe eingeladen, ihr Kind gebändigt und zieht von dannen. Es geht weiter! Die ältere Dame, die jetzt an der Reihe ist, hat vergessen ihre Bananen abzuwiegen. Flink flitzt die Kassiererin mit den Bananen zur Waage, die hinter den Kassen an der Wand befestigt ist. Das finde ich sehr nett, denn die alte Dame scheint nicht gut zu Fuß. Am Griff ihres Einkaufswagens baumelt ein Gehstock. Sie sieht wohl auch nicht gut, denn die Kassiererin sucht aus dem hingehaltenem Portemonnaie das Kleingeld heraus. Es dauert ...
Neiderfüllt schiele zu der Schlange an Kasse 1. Dort scheint es schneller voran zu gehen. Das Rentnerehepaar hat mittlerweile seine Einkäufe aufs Band gelegt. Der ältere Herr beobachtet mit Argusaugen, wie die Kassiererin Teil für Teil einscannt, während die Gattin die Waren sorgfältig wieder in den Einkaufswagen sortiert. Dann entbrennt eine heftige Diskussion, weil das Sonderangebot für die Tütensuppen erst ab fünf Suppen greift. Das Paar hat sich wohl verzählt und statt zehn Packungen nur neun gekauft. Der Sonderpreis gilt daher nur für fünf Süppchen, für die restlichen vier muss der reguläre Preis entrichtet werden. „Dann zahlen Sie doch erst mal die fünf Suppen. Ich lege die übrigen vier zur Seite und Sie können sich noch eine Tüte hole“, lautet der Vorschlag der Kassiererin. Es wird verhandelt und es dauert ...
Mir ist das jetzt alles zu blöd. Die mit ihren dämlichen Suppen! Ich wechsele zu Kasse 3 und stelle mich an. Die Kundin, die jetzt an Kasse 3 vor mir steht, hat wohl den monatlichen Großeinkauf getätigt. Ne, ne, ne, und was die alles für einen Mist eingekauft hat … Ich schiele zu Kasse 2. Das Tütensuppenproblem scheint gelöst. Sollte ich mich nicht doch besser wieder an Kasse 2 anstellen? Zu spät! Ein Schild leuchtet auf: Kasse schließt
Wie sieht's denn an Kasse 4 aus? Wäre es nicht von Vorteil nochmal zu wechseln? Ne, dann müsste ich mich wieder hinten anstellen und ich bin doch schon ins Mittelfeld vorgerückt. Die Frau mit dem Großeinkauf hat drei Küchentücher eingekauft, reduzierte Ware, und das Preisschild ist abhanden gekommen. „Die kosten nur 1€. Das weiß ich ganz genau!“, behauptet sie mit aller Entschiedenheit. „Das glaube ich Ihnen ja. Ich brauche aber eine Nummer zum Einscannen“, antwortet die Kassiererin besänftigend, greift zum Telefon und nickt mir freundlich zu. „Es geht gleich weiter.“
„Elf für Kasse 2 bitte“, tönt es durch den Supermarkt. Es dauert …
Ich glaube, ich werde wahnsinnig. Endlich, endlich, bin ich an der Reihe, bezahle meine vier Teile und sage: „Heute hatte ich aber Pech. Ich stand immer an der Kasse, an der es Verzögerungen gab.“
„Ach, die paar Teile hätten Sie auch an der Information bezahlen können. Da geht es immer ganz schnell. Ein schönen Abend noch, und Tschüss.“

Anita K-M Offline

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17.06.2017 10:17
#33 RE: Die Seniorenzeitung Zitat · antworten

Alles englisch!

„Hallo, Oma! Was machst du denn in der Stadt?“
„Hallo, mein Junge! Ich war zur Fußpflege und wollte jetzt nach Hause.“
„Oma, dann lass uns doch 'nen Kaffee trinken. Ich hab grad ein bisschen Zeit.“
„Ach, Junge, dass du mal Zeit für deine alte Oma hast. Ich lad dich natürlich ein. Ihr Studenten seid ja immer ein bisschen knapp bei Kasse.“
„Danke, Oma.“

Die beiden gehen ins nächste Café.

„Wie ist denn deine neue Wohnung und wie läuft's an der Uni?“
„Wohnung ist super! Jeder hat ein großes Zimmer und wir haben 'nen coolen Balkon.“
„Oh, das ist praktisch. Da kannst du schön die Wäsche trocknen.“
„Mmh, ja. Kannst aber auch super chilllen.“
„Is wahr? Ist das denn nicht zu laut, wegen der Nachbarn?“
„Nee, Oma, chillen is nix lautes. Das is so was wie abhängen.“
„Ja, ja, die Wäsche müsst ihr dann schon abhängen, sonst habt ihr ja keinen Platz. Wie sind denn die anderen, mit denen du zusammenwohnst? Sind die denn nett und sauber?“
„Wir sind nur Jungs und verstehen uns prima. Alles easy, Oma.“
„Stell ich mir schwierig vor, wenn da nur eine Frau dabei ist. Ist für die Isy sicher nicht so einfach mit lauter Kerlen.“
Oma lacht.
„Ne, Oma, das hast du falsch verstanden. Wir sind wirklich nur Jungs.“
„Ach so? Und an der Uni? Kommst du denn da zurecht und kannst du denn da auch ordentlich zu Mittag essen?“
„Mmh, die Leute sind ganz hip. Das passt schon.“
„Na, ich weiß nicht? Ich halte ja von diesem Gläschenzeugs gar nichts. Deine Mutter hat das auch nicht gekauft, als du noch klein warst. Lieber richtig gekocht, Kartoffeln, Möhren, ein bisschen Butter dazu und dann püriert.“
„Oma, was denn für Gläschenzeugs?“
„Na, HIPP heißt doch die Firma, die diese Babynahrung herstellt.“
„Ne, Oma, das hast du falsch verstanden. Hip heißt, dass die Leute voll cool sind.“
„Ach, Junge, kannst du nicht deutsch mit mir reden?“
„Hast recht Oma, sorry! Jetzt muss ich aber los.“
„Ich auch, mein Junge. Der Bus kommt gleich.“

Oma und Enkel verlassen das Café.

„Also der Kaffee hier war richtig gut. Der Kaffee, den ich zu Hause trinke, kommt aus Südamerika. Ich wusste gar nicht, das dieser afrikanische so gut schmeckt.“
„Also Oma, woher weißt du denn, dass der aus Afrika kommt?“
„Da steht's doch: Kaffee-TOGO. Togo liegt doch in Afrika, oder etwa nicht?“

Anita Koschorrek-Müller, Trier

Anita K-M Offline

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08.12.2017 09:02
#34 RE: Die Seniorenzeitung Zitat · antworten

Die neue Jeans

„Kann ich Ihnen behilflich sein?“, fragte mich die Verkäuferin im Jeansladen.
„Ja, ich brauch 'ne Neue“, antwortete ich und blicke etwas ratlos auf die vor mir aufgestapelten Jeans in allen erdenklichen Farben und Formen.
„Was suchen Sie denn – eine Röhre, also Skinny oder Slim Fit, oder eher den geraden Schnitt, Regular Fit oder Straight Fit, oder eine Jeggins?“
„Einfach nur 'ne ganz normale“, erwiderte ich zaghaft.
„Also Regular“, stellte die Verkäuferin fest und ging mir mir zu einem Regal, das sich über die ganze Wand erstreckte.
„An welche Farbe dachten Sie denn?“
„Blau.“
„Blue, dark blue oder blue black? Stone-washed oder moon-washed?“
„Mmh? So ein bisschen verwaschen könnte sie schon aussehen, aber nicht mit diesen weißen Flecken.“
Die Verkäuferin gab mir einige Hosen und ich verschwand in der Umkleidekabine. Nach dem ich mich in mehrere Modelle hineingezwängt und wieder herausgeschält hatte, stellte ich fest, dass alle Hosen irgendwie zu eng waren oder ich zu weit.
„Mmh“, meinte die Verkäuferin, „dann versuchen wir es doch mal mit einer Boyfriend. Die sind sehr lässig. Oder“, so überlegte die Fachfrau in Sachen Jeans weiter, „eine Straight Fit. Das ist eigentlich ein reiner Herrenschnitt, aber Kult. Oder vielleicht eine Bootcut?“
Ich probierte weiter an und stellte zufrieden fest, dass mich in diesen Jeans keine Platzangst befiel und ich mich nicht mit guten Vorsätzen befasste, doch endlich ein paar Kilo abzunehmen. Aber alle Hosen waren zu kurz.
„Das tut mir aber jetzt leid. In Ihrer Größe habe ich eine Jeans mit etwas längerem Bein im Moment nicht da. Wir kriegen aber diese Woche noch eine neue Lieferung.“
„Sie haben in der ersten Etage doch noch eine Jeansabteilung. Vielleicht finde ich dort was?“
„Das ist unser Fashion-Point. Da gibt es eher junge Mode, wie Destroyed oder Shotgun Jeans und spezielle Waschungen, wie z. B. Acid Washed. Suchen Sie denn so was?“
„Ich glaube nicht. Ich weiß ja nicht mal, was diese Bezeichnungen bedeuten.“
„Destroyed Jeans sind die zerfetzten und Shotgun Jeans werden mit Schrot beschossen, damit sie löchrig aussehen und bei der Acid-Waschung mit gechlorten Bimssteinen entstehen harte Farbkontraste.“
„Aha? Interessant. Dann schaue ich lieber nächste Woche wieder rein. Vielen Dank und Tschüss.“
Unverrichteter Dinge verließ ich den Laden, begab mich in die nächste Eisdiele, um mich nach diesem missglückten Shopping-Erlebnis zu trösten.

Was war das früher doch alles so einfach! Meine erste Texas- oder Nietenhose, wie man die Jeans damals nannte, kaufte mir meine Mutter bei Hägin. Das einzige Problem bestand darin, die Hose nach der Wäsche schnellstens aus dem Wäschekorb zu stibitzen, damit meine Mutter keine Bügelfalte reinplättete.

Anita K-M Offline

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20.12.2017 12:07
#35 RE: Die Seniorenzeitung Zitat · antworten

Das neue Handy

Ein neues Handy musste her, denn das alte war nicht mehr zu retten. Doch allein der Kauf dieses Gerätes brachte mich schier zur Verzweiflung. Der Markt ist unüberschaubar, die unterschiedlichen Verträge, die von verschiedenen Anbietern angepriesen werden, haben eines gemeinsam – sie sind verwirrend.
Dass man auf einen Knopf drückt, um ein Handy einzuschalten, ist zwar vom Prinzip her richtig, doch wenn man ein Smartphone sein Eigen nennt, das ist die Handy-Edelversion, muss man das ganz schnell vergessen. Man muss „wischen“! Nein, nicht Staub wischen, sondern zart mit dem Finger über die Hochglanz-Frontscheibe streichen.
Wenn man keinerlei Vorkenntnisse besitzt, kriegt man so ein „Smartphone“ nicht ans Laufen.
Man benötigt daher eine Person, die einem den ersten Crash-Kurs verpasst. Entweder geht man dazu in einen Handy-Laden und lässt sich von einem smarten jungen Mann alles erklären und versteht danach gar nichts mehr oder sucht sich eine geduldige Person im Verwandten- oder Freundeskreis. Eine Gemeinsamkeit müssen alle Personen haben, die man zu Rate zieht – sie müssen JUNG sein. Jung bedeutet, mindestens unter vierzig. Dann gibt es noch die Möglichkeit eines Kurses bei der Volkshochschule. Doch so ein Kurs hat auch seine Tücken. Sollten an diesem Kurs sehr viele Männer teilnehmen, ist es schwierig, etwas über die Benutzung eines Smartphones zu erlernen. Denn die männlichen Wesen in diesem Kurs erzählen fortwährend, was sie schon alles wissen und können.

Hat man die Grundkenntnisse einmal intus, sollte man sich einfach hinsetzen und ausprobieren. Voraussetzung ist allerdings, dass man sich über seinen Vertrag genauestens informiert hat, damit hinterher nicht das dicke Ende kommt – die dicke Rechnung! Doch Vorsicht ist trotzdem geboten!
Eines abends begann ich eine Exkursion in die unermesslichen Weiten des Telekommunikationsuniversums. Ich stolperte durch Apps, Kontakte, Galerien, Einstellungen, Kamera, Anwendungen und weitere Anwendungen … Ach, ja, telefonieren kann man mit diesem Gerät auch noch, aber das macht man eher selten. Meist tippt man darauf herum, oder unterhält sich mit seinen Leuten über WhatsApp. Von Unterhaltung kann natürlich keine Rede sein. Man tippt und tippt und tippt ... Doch so ein Smartphone ist unglaublich schlau. Es denkt mit und ahnt schon immer, welches Wort man schreiben will. Ein gewisses Misstrauen ist jedoch angebracht, denn die Wort-Vorschläge des Smartphones machen nicht immer Sinn. Aus der Nachricht, dass ein Marder in der Garage war und Kabel im Auto angeknabbert hat: „Ein Marder war in der Garage.“, bildet das Super-Handy den Satz: „Ein Mörder war in der Garage.“ und aus den Ohrenschmerzen, über die ich meinen Chat-Teilnehmer informieren wollte, wurde „ein Putenschnitzel“.
Als ich versuchte eine Internetadresse über WhatsApp weiterzuleiten, kam ich mal wieder an meine Grenzen. Ich konsultierte die Nichte meines Vertrauens, die ist natürlich unter 40, und ließ mich beraten. Aha, drücken und dann in die Zwischenablage … Ich versuchte mein Glück und scheiterte kläglich. Wieder Anruf bei meiner Telekommunikationsberaterin. „Du musst länger drücken, bis es blau wird ...“ Dieser Hinweis brachte mich etwas aus der Fassung, klang das doch eher nach einer Anleitung zum Morden – Tod durch Ersticken.

Doch plötzlich, während ich wischte, tippte und drückte, … tuuut, tuuut, tuut, … Wäre es möglich, dass ich jemand angerufen hatte? Verzweifelt versuchte ich das TUUUT zu stoppen. Ich wischte und tippte und drückte, bis auf meinem kleinen Bildschirm ein guter Bekannter erschien, der Kurt, und mich angrinste.
„Hallo“, stotterte ich verwirrt. „Entschuldige, dass ich so spät anrufe, aber ich wollte dich gar nicht anrufen. Ich hab ein neues Smartphone und das macht nicht immer das, was ich will.“
Ich hörte die Stimme der Ehefrau meines Bekannten. „Wen isset dann?“
„Et Anita, et hat 'nen Videoanruf gemacht.“
„Ach!“ Kurts Ehefrau schien beeindruckt.
„Schönen Abend noch und Tschüss“, sagte ich und versuchte die Verbindung irgendwie zu kappen.
Ich tippte und wischte und drückte und wischte. Mein Bekannter grinste mich weiterhin an. Ich schaltete das unberechenbare Gerät total aus und klappte das Mäppchen zu, in dem ich es aufbewahrte.
Puh! Gott, wie peinlich! Lange betrachte ich die schwarze Mappe in der mein Smartphone steckte. Wenn ich dieses Gerät jetzt anschalten würde, erschien dann vielleicht wieder der Kurt, der jetzt eventuell mit der Gattin schon im Ehebett lag? Daher beschloss ich, mein Smart-Phone heute Abend nicht mehr in Gang zu setzen. Kurts Nachtruhe wollte ich auf keinen Fall stören.

Anita K-M Offline

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01.05.2018 12:43
#36 RE: Die Seniorenzeitung Zitat · antworten

Kinder, Kinder, Kinder …

Auf dem Spielplatz ist ganz schön was los. Überall wuseln die Kinder herum. Auf den Bänken sitzen Mütter, Väter. Omas und Opas. Am Zaun parken die Laufräder und Buggys. Streitigkeiten gibt es immer unter Kindern auf Spielplätzen. Doch dieser Spielplatz ist eine gewaltfreie Zone, das wird schnell klar. Konflikte werden, unter der Regie der Erwachsenen, ausdiskutiert.
„Unsere Lia-Marie ist ja sehr durchsetzungsfähig! Da muss man schon mal einschreiten und die Situation klären, wenn man sieht, dass ein anderes Kind überfordert ist.“
Doch die Gewaltfreiheit hält nur solange an, bis Mutti mit ihrem Smart-Phone beschäftigt ist und die kleine Kiara-Tamira der Lia-Marie das Schippchen auf den Kopf haut.
Meine Mutter sagte früher immer zu mir, wenn ich mich über das freche Nachbarsmädchen bei ihr beschwerte: „Wehr dich!“ Und ich wehrte mich.

Lia-Marie läuft weinend zur Mama und wird getröstet. Das kleine Mädchen ist etwas eigenartig gekleidet und die Mutter erzählt von der Kreativität ihrer Tochter, die jeden Morgen selbst bestimmt, was sie heute anzieht.
„Ich lasse ihr da jegliche Freiheit“, weiß die stolze Mutter zu berichten. Die Kleine macht den Eindruck, als hätte sie sich nach dem letzten Spendenaufruf am Altkleider-Container des Roten Kreuzes bedient. Lia-Marie wischt sich die Tränen ab und hüpft in ihren zwei übereinander gezogenen Röcken, den verschiedenfarbigen Strümpfen, der Glitzer-Bluse und der geringelten Strickmütze, in geblümten Gummistiefeln zum Sandkasten.
Wenn das Kind bei 4 Grad minus mal auf die Idee kommen sollte, das pinke Sommerkleid und die Sandalen anzuziehen, könnte die Kreativität des Kindes ein Problem werden.
Wir hatten es früher einfacher. Wir mussten das anziehen, was da war und das war nicht viel. Entscheidungsfreiheit und Kreativität – Fehlanzeige.

Dann hört man einen jungen Vater, der überschwänglich seinen kleinen Sohn lobt, der wohl zum ersten Mal alleine die Abfahrt über die Rutschbahn gemeistert hat.
„Fin-Luca, das hast du toll gemacht! Super! Ich bin sehr stolz auf dich! Das war richtig mutig! Gaanz klasse!“
Fin-Luca stapft, gestärkt durch so viel Lob, wieder zur Leiter, um die Rutschbahn erneut zu erklimmen.
Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie es war, als ich damals das erste Mal auf einer Rutschbahn alleine gerutscht bin. Aber mein Vater hat sich mit Sicherheit nicht so dazu geäußert, als hätte ich den Friedensnobelpreis für Physik erhalten.

Ein kleiner Steppke mit einer Reiswaffel in der Hand bleibt vor einer Frau stehen, die auf einer Bank sitzt und ein Buch in Händen hält.
„Was machst du da?“
„Ich lese.“
Der Kleine schaut mit großen Augen und sagt nichts. Es ist schon erstaunlich, dass ein etwa vierjähriges Kind solch eine Frage stellt. Auch auf den anderen Bänken sitzen Erwachsene und lesen. Doch niemand davon hält ein Buch in der Hand und blättert um. Man liest und wischt.

Unser Leben hat sich verändert …

Anita K-M Offline

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07.07.2018 10:55
#37 RE: Die Seniorenzeitung Zitat · antworten

„All Inclusive“ in den Sechzigern

Endlich Sommerferien! Die Familie, Vater, Mutter, zwei Kinder, macht sich auf den Weg in den Urlaub. Der Kleinwagen ist bis unters Dach bepackt. Nach einer knappen Stunde ist das Ziel erreicht – der Campingplatz am beschaulichen Eifelflüsschen mit Blick auf die Burgruine. Drei Wochen will man hier den Sommer genießen. Der Vater hat lediglich zwei Wochen frei bekommen, weil es nur 14 Tage Jahresurlaub gibt und das bei einer 6-Tage-Woche. Doch das tut der Urlaubsplanung keinen Abbruch. In der letzten Urlaubswoche fährt der Vater jeden morgen zur Arbeit in die nahegelegene Stadt und kehrt abends zurück zu seiner Familie auf den Campingplatz.

Drei Wochen Vollpension werden geboten, denn Mutti ist am zweiflammigen Gaskocher eine wahre Künstlerin. Das bedeutet kulinarische Rundumversorgung: Apfel-Pfannkuchen mit Zimt und Zucker, heiße Würstchen mit Kartoffelsalat, gebratener Fisch am Lagerfeuer und noch viele andere Köstlichkeiten. Zum weiteren Programm gehören Abenteuersafaris in die Sumpfgebiete der näheren Umgebung, naturwissenschaftliche Exkursionen zwecks Erforschung der Flora und Fauna im Süßwasser, unter Leitung von Opa Hans, (ein Dauercamper, dessen Wohnwagen am Ende des Campingplatzes steht), Kämpfe mit Piraten und Stechmücken, Wassersport jeglicher Art, Kinderanimation, Angeln, autogenes Training im Liegestuhl (früher nannte man das faulenzen) und Übungen zur Kräftigung der Lungenfunktion, weil man die Luftmatratzen ohne Luftpumpe aufbläst. Also, alles was das Herz begehrt und was die Natur zu bieten hat – eben „All Inclusive“.

Sogar Theater wird zur Unterhaltung der Camper angeboten. Mutti hat nämlich dem fünfjährigen Mädchen, das mit seinen Eltern und dem kleinen Bruder das Nachbarzelt bewohnt und das unbedingt noch ein Schwesterchen haben will, und keinen blöden Bruder, erklärt, es müsse zu Hause Zucker auf die Fensterbank streuen, um den Klapperstorch zu beeinflussen.
Daraufhin schreitet das kleine Mädchen umgehend zur Tat, hat keine Lust, mit dem Versuch den Klapperstorch zu bestechen, noch länger zu warten. Eine breite, weiße Spur Haushaltszucker zieht sich schon bald um das Steilwaldzelt der Familie. Auf den Klapperstorch macht dieser Bestechungsversuch wohl keinen Eindruck, jedoch die Ameisen sind begeistert. Was für ein Theater – eben „All Inklusive“.

Anita K-M Offline

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22.09.2018 22:20
#38 RE: Die Seniorenzeitung Zitat · antworten

Die Zimmerantenne

„Die Deutschen bewegen sich zu wenig. Sie sitzen zu viel vorm Fernseher und am Computer.“ – So ist es immer mal wieder in der Presse zu lesen. Doch das war nicht immer so:

„Ein bisschen mehr nach rechts! Halt! Jetzt höher!“ Das Mädchen trippelt nach rechts, streckt den Arm und hält die Zimmerantenne in die Höhe. Der Vater sitzt vorm Fernseher und begutachtet das Bild auf der Mattscheibe.
„Papa, ich kann nicht mehr“, stöhnt die Tochter und lässt den Arm sinken.
„So geht das nicht“, stellt der Vater fest. „Wir müssen das Regal rüberrücken und die Antenne draufstellen. Dann ist sie hoch genug.“
Gesagt, getan. Gemeinsam werden die Bücher vom Regal geräumt und auf dem Boden gestapelt. Die Mutter kommt hinzu.
„Was ist hier los?“, fragt sie misstrauisch, da doch weder neue Möbel bestellt sind, geschweige denn ein Umzug geplant ist.
„Das Bild ist heute dermaßen schlecht. Die Zimmerantenne muss höher gestellt werden, dann geht’s“, erklärt der Vater.
Mutter hilft mit. Das Regal wird neben den Fernseher gerückt und die Antenne darauf postiert. Der Vater begutachtet erneut das Fernsehbild.
„Mmh“, meint er, „das bringt nicht viel. Die muss wahrscheinlich noch höher.“
Der Vater reicht Bücher an Mutter und Tochter, die auf dem obersten Regalbrett einen Stapel errichten, der als Unterbau für die Zimmerantenne genutzt werden soll. Mit einem Auge hat er dabei die Mattscheibe im Blick. Nach dem vierten Buch – ein Aufschrei: „Stopp! So ist es gut!
Schnell findet sich die Familie vorm Fernseher ein, denn es beginnt, wie jeden Samstag, die Westernserie: „Am Fuß der blauen Berge“. Dem 45minütigen Fernsehvergnügen steht nichts mehr im Wege, doch an stillsitzen ist nicht zu denken.
Noch zweimal seht der Vater auf, um am Fernseher Kontrast und Helligkeit zu korrigieren und die Mutter einmal, um den Ton leiser zu stellen, weil eventuell die Nachbarn gestört werden.
Gespannt und zufrieden schaut man nun zu, wie Slim und Jess sich auf der Sherman-Ranch durchs Leben schlagen.
Bewegung hat man heute genug gehabt!

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