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Dieses Thema hat 1 Antworten
und wurde 166 mal aufgerufen
 Allgemeines
Andi ( gelöscht )
Beiträge:

07.01.2012 13:11
Der letzte Heiligabend . . . Zitat · antworten

. . . ist nun zwar schon wieder ein paar Tage her, aber ich lege die Erzählung trotzdem mal hier ab. Es ist ja möglich, dass noch jemand in Weihnachtsstimmung ist und sie lesen will.
Kommentare sind erwünscht.


Der letzte Heiligabend


Vor vielen Jahren, ich war noch ein Junge, da trug sich dies zu.
Ich angelte an dem Tag, wie so oft, an dem Flüsschen welches durch meine Heimatstadt fließt. Damals verbrachte ich viel Zeit dort. Sofort nach Schulschluss zog es mich ans Wasser.
Der alte, bärtige Mann, in dessen Gesicht immer eine Pfeife qualmte, war mir schon mehrfach aufgefallen, und ich grüßte ihn stets mit einem freundlichen „Petri Heil!“, wenn unsere Wege sich kreuzten.
Er sagte nie etwas, sondern nickte nur. Ich hatte den Eindruck, dass das seine Art von Freundlichkeit war.

An diesem Tag hörte ich ihn zum ersten Mal etwas sagen. Ich hatte mich mit meiner schweren Stippe unweit von ihm postiert und badete meine Maden an einer doch sehr einfachen Montage. Er hatte, wie fast immer, einen kleinen Köderfisch am Haken, und er bekam auch einen Biss. Nach dem Anschlag drillte er einen anständigen Hecht und versuchte, mit einer Hand seinen Kescher zu erreichen. Dieser lag jedoch außerhalb seiner Reichweite hinter ihm auf der Böschung. Er schaute also zu mir herüber und fragte dann, ob ich wohl so nett wäre, ihn ihm zu reichen. Ich tat es und schaute stumm zu, wie er den Hecht ausdrillte, kescherte und versorgte.

Danach setzte er sich ins Gras, und ich tat es ihm gleich. Er entzündete seine Pfeife neu, und wir blickten beide minutenlang den Hecht an, bis ich ungeduldiger Bursche die Stille beendete und anfing den bärtigen Mann mit meinen Fragen zu löchern. Ich war bis dahin nur Friedfischangler und der Hecht erschien mir wie ein noch fernes Ziel. Ich wollte alles ganz genau wissen. Wie man am besten Hechte fängt. Wann und wo und überhaupt. An diesem Nachmittag im Spätherbst angelte keiner mehr von uns und der Herr erklärte mir geduldig alles, was ein Hechtneuling seiner Meinung nach wissen sollte. Voller Tatendrang, und mit dem nötigen geistigen Rüstzeug, trat ich den Heimweg an und bekniete noch am selben Abend meine Eltern, mir doch zu Weihnachten eine stabile Wurfrute zu schenken. Ich wollte nun unbedingt auch einen Hecht fangen.

Die paar Wochen bis Weihnachten verbrachte ich, indem ich mir einen tüchtigen Vorrat Köderfische erstippte und auch dem neuen Freund brachte ich fast täglich welche. War er doch fast immer an seiner Stelle zu finden. Er nahm sie auch dankbar an und „entlohnte“ mich mit immer neuen Tipps zur Hechtangelei.

Bald war es nur noch ein Tag bis Heiligabend. Während ich immer mit den Fahrrad zum Flüsschen kam, erschien er stets auf Schusters Rappen. Ich begleitete ihn nach dem Angeln oft noch ein Stück des Weges und schob mein Rad. Er wohnte in einem kleinen Häuschen, welches man getrost als Kate bezeichnen konnte.
Die Tür hing schief in den Angeln und die Fenster waren so undicht, dass man am Rahmen vorbei ins Innere hätte blicken können, wenn nicht die Gardinen dies verhindert hätten. Einmal konnte ich einen Blick durch die geöffnete Türe in den Wohnraum erhaschen. Dort war es sauber aber sehr dürftig eingerichtet.
Aus zwei Stühlen, einem Tisch und einer Liege, über der ein Bild hing, bestand das Mobiliar. Ein kleiner Dauerbrandofen sollte wohl für Wärme sorgen. Kurzum, er lebte sehr ärmlich.

Darauf angesprochen, berichtete er mir von Scheidung, Kindern, die er lange nicht mehr gesehen hatte und davon, dass im Leben nicht für jeden die Sonne scheint. Er hatte keine Verwandten, mit denen er Weihnachten verbringen würde. Ich dachte an unsere Familienfeste zur Weihnacht und vermochte mir nicht vorzustellen, wie man allein so eine Festlichkeit begeht. Also versprach ich ihm, ihn am ersten Feiertag gleich morgens abzuholen auf einen gemeinsamen Gang an den Fluss. So geschah es dann auch.

Gleich nach den Frühstück griff ich die neue Rute, die ich tatsächlich zu Weihnachten bekommen hatte, und machte mich auf den Weg. Der Freund wartete schon und wir machten uns auf den Weg, nachdem ich ihm ein Päckchen Drillinge in die Hand gedrückt hatte, die ich von meinen knappen Taschengeld für ihn gekauft hatte. Weder er noch ich waren gläubig, aber als die Klänge der Kirchenglocke uns nachhallten, ergriff uns ein besonderes Gefühl.
Ich glaube ehrlich, dass er an diesem Tag seit langem mal wieder glücklich war. Seine Miene war jedenfalls heiterer als sonst.

Ich fing an diesem Weihnachtstag meinen ersten Hecht, dank seiner Hilfe. Er sagte mir, wo ich hinwerfen sollte und dort fing ich einen nicht sehr großen aber maßigen Hecht.
Während ich mich abmühte, paffte er seine Pfeife und gab Anweisungen, bis er den Fisch schließlich kescherte. Wir blieben nicht sehr lange. Auf mich wartete die Mutter mit dem Festtagsbraten, und der Freund wollte noch jemanden besuchen - sagte er wenigstens. Ich glaube, er wollte mich nur nicht aufhalten. Es vergingen einige Tage, bis wir uns wiedertrafen und gemeinsam angelten.

In den nächsten zwei, drei Jahren wurde es zur Tradition, den ersten Weihnachtsfeiertag gemeinsam zu verbringen und kleine Geschenke auszutauschen. Der Freund war genauso glücklich wie ich, wenn wir sahen, wie die Kleinigkeiten dem Anderen gefielen.
Wir hatten uns auch im vierten Jahr unserer Freundschaft am Heiligabend wieder für den nächsten Tag verabredet, und so stand ich, wie die Jahre zuvor, morgens an seiner Kate und klopfte. Doch es öffnete niemand. Noch einige Male klopfte ich, war irritiert, denn der Freund pflegte sich an Abmachungen zu halten. Eine Tugend, die ich noch heute an Menschen schätze.

Ich ging allein zum Fluss und hoffte, ihn dort zu treffen. Leider vergeblich, und so machte ich mich wieder auf den Heimweg, darüber sinnierend, wo der Freund wohl steckte.
Ich versuchte es einige Tage später erneut, und als ich dort stand und klopfte, tippte die Postbotin mir auf die Schulter und sagte, dass der Mann, der dort gewohnt hatte, gestorben sei. Sie sagte, er wäre erfroren, hätte wohl nicht genügend geheizt.

Es war unser letzter gemeinsamer Heiligabend. Seitdem gehe ich fast jedes Jahr am ersten Weihnachtstag ohne Angel an seine Stelle am Flüsschen und denke daran, dass die Sonne nicht für jeden scheint und manchmal rieche ich noch den Dampf seiner Pfeife ...



Grüße
Andi

Petrusautor Offline

Admin


Beiträge: 8.748

07.01.2012 13:40
#2 RE: Der letzte Heiligabend . . . Zitat · antworten

Hallo Andi,
die Geschichte hat mir gut gefallen. Bravo!

-------------------------------
Allen eine Handbreit Sonne zwischen den Wolken.
Petrusautor Claus

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