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 Kurzgeschichten
Petrusautor Offline

Admin


Beiträge: 9.107

20.12.2017 16:20
Weihnachtsgeschichte 2017 - Der Weihnachtsschlitten von Claus Beese Zitat · antworten



Der Weihnachtsschlitten
Von Claus Beese

Weihnachten, ein Fest für alle, aber ganz besonders für Kinder. Diese Feststellung habe ich gemacht, seit unsere eigenen aus dem Haus waren und der Heiligabend unterm leuchtenden Tannenbaum sehr ruhig wurde. Das Schmücken des Baumes ist Gewohnheit, beinahe eine spirituell-meditative Handlung. Man kann so schön die Gedanken schweifen lassen, während man Kugel um Kugel in das Bäumchen hängt, Lichter drapiert und Lametta über die Äste hängt. Und je älter man wird, gehen sie weiter und weiter zurück in die Vergangenheit.

Auch bei uns wurde die Stube noch weihnachtlich geschmückt, als ich klein war. Es duftete nach frischem Tannengrün und aus der Küche zog Plätzchenduft durch die Wohnung. Eine Sache wird mir dabei immer in Erinnerung bleiben. In der Wohnung meiner Großeltern gab es auf dem Flur eine Kommode, auf der zu Weihnachten immer eine weiße gehäkelte Decke lag, welche die schönsten Wintermotive zeigte. Auf ihr standen silberne Figuren, ein aus Silber getriebener Weihnachtsbaum, silberne Rentiere und Hirsche, glitzernde Engelsfiguren dienten als Kerzenhalter. Sie alle aber umrahmten einen silbernen Schlitten, der von Rentieren gezogen wurde und in dem eine, ebenfalls silberne, Weihnachtsmannfigur die Zügel hielt und mit erhobenem Arm die fliegenden Rene anfeuerte.

Großvater erzählte uns, dass er dies alles am Nachmittag des Heiligen Abends wieder abbauen und das Fenster im Flur weit öffnen musste, denn bei Einbruch der Dunkelheit würden die Rentiere zum Leben erwachen und brauchten eine hindernisfreie Startbahn. Kaum, dass der kleine Schlitten aus dem Fenster gesaust wäre, würde er wachsen, der silberne Schimmer würde einem hellen Leuchten weichen und der Mantel des Weihnachtsmannes in einem hellen Rot erstrahlen. Wie der Wind und mit Santas lautem „Hohoho!“ jagten die Rentiere mit dem Schlitten in den abendlichen Himmel und manchmal, wenn es nicht schneite, konnte man seine Silhouette im Licht der Sterne über den Himmel huschen sehen. In unserer Fantasie waren die tollsten Bilder, die uns Opas Erzählkunst dort hineinzauberte.

Dann kam das traurige Weihnachtsfest, an dem Großvater nicht teilnehmen sollte. Er lag in der Klinik, das alte Herz machte ihm Probleme. Großmutter und die Familie waren bei ihm, während draußen leise der Schnee fiel und die Welt sich ein wunderbares weißes Festtagsgewand anzog. Großvater schlug die Augen auf, blickte durch die Fenster hinaus in das Schneetreiben am bereits dunklen Himmel. „Der Schlitten…, das Fenster…“, murmelte er mit brüchiger Stimme. „Der Weihnachtsmann kann Wunder vollbringen, er wird sich durch ein geschlossenes Fenster nicht aufhalten lassen“, beruhigte Großmutter ihn, und er schloss beruhigt die Augen und schlief wieder ein.
Es wurde eine lange, traurige Nacht, und als wir gegen Morgen in die verlassene Wohnung der Großeltern zurückkehrten, fanden wir ein Chaos im Flur vor. Alle silbernen Figuren waren umgefallen und lagen, teils auf der Kommode, teils auf dem Fußboden. Das Flurfenster war weit geöffnet, der Wind hatte Schnee in den Flur geweht. Und der Weihnachtsschlitten war fort. Er hatte an diesem Weihnachtsabend nicht nur die Geschenke der Kinder zu verteilen, sondern auch eine weitere wertvolle Fracht bei sich, die er zu den Sternen bringen musste.

So, wie in dieser Nacht vor beinahe zweitausend Jahren ein Kind geboren wurde, endete ein Leben in dieser Heiligen Nacht. Das Fenster wurde geschlossen, der Schnee aufgefegt, die silbernen Figuren wieder aufgestellt. Der silberne Weihnachtsschlitten aber blieb verschwunden, er kehrte nie zurück. Und noch etwas fehlte von diesem Abend an: Opa!

„Schaffst du es, oder muss ich dir helfen?“ Die vertraute Stimme meiner mir Angetrauten riss mich aus den Erinnerungen und brachte mich zurück in die Gegenwart. Ich hängte die letzte Kugel an den Baum und stieg von der Leiter. Mit einem Knipps schaltete ich die Beleuchtung an und die vielen kleinen Lichter im Baum verbreiteten einen milden Glanz im Zimmer. Einen Moment standen wir andächtig vor dem künstlichen Baum und betrachteten das leuchtende Werk. „Ich glaube, mir ist heute nicht nach einem einsamen Heiligen Abend. Lass uns zum Griechen gehen und mit Freunden das Fest der Freude und Liebe feiern“, sagte ich leise. Stumm zogen wir unsere Jacken an und gingen hinaus in den weiß flirrenden Weihnachtsabend, die Spuren unserer Stiefel führten zu dem Restaurant, hinter dessen Fenstern es hell und freundlich war, warm und gemütlich. Der Raum war voller Bekannter und Freunde, denen es ähnlich ging wie uns und mit denen wir fröhlich das Fest begingen.

Fröhliche Weihnachten.

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Allen eine Handbreit Sonne zwischen den Wolken.
Petrusautor Claus

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